Der neue Intendant Johan Simons stellt seine erste Ruhrtriennale vor

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Ein Theatermacher, der auch mal provozieren will: Johan Simons, (68), neuer Intendant der Ruhrtriennale.

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Johan Simons legt Wert auf Tradition. Unter ihrem fünften Leiter hat die Ruhrtriennale auf einmal eine. Der holländische Regisseur beruft sich auf Gerard Mortier, den visionären Gründungsintendanten, der vor einem Jahr gestorben ist. Ihm widmet er eine eigene Produktion, die „Hommage an Gerard Mortier“, bei der die Dirigenten Sylvain Cambreling, Teodor Currentzis und Emilio Pomàrico Musik von Komponisten aufführen, die dem Theatermann am Herzen lagen: Berg, Webern, Messiaen.

Simons lernte das Festival in der Intendanz Mortiers kennen. 2003 inszenierte er in Bochum „Sentimenti“, eine Ruhrgebietsoper. Mit Simons soll die Triennale an ihre Anfänge anknüpfen. Als Motto wählte Simons das Schiller-Zitat „Seid umschlungen“. Er entschlüsselt es bei der Programmpräsentation in der Bochumer Jahrhunderthalle als doppeldeutig, einerseits ist eine Umarmung gemeint, andererseits eine Bedrückung. „Die Ruhrtriennale darf nicht nur freundlich sein“, meint Simons, „sie darf auch beklemmend sein.“ Er unterstreicht den politischen Anspruch, den Willen zu einer Kunst, „die sich absetzt von der Unterhaltungskultur“. Es wird rund 140 Aufführungen geben. Von den 40 Projekten sind 33 Eigen- oder Koproduktionen. Viel Exklusivität.

Zur Rückbesinnung gehört auch, dass es wieder „Kreationen“ geben wird, jene etwas unscharf benannte Mischform aus Tanz, Musik, Schauspiel und Bühnenbild, mit der Mortier dem Festival in ehemaligen Industriehallen ein eigenes Gesicht verlieh. Dazu gehört seine eigene Inszenierung „Accatone“ zur Eröffnung. Aus dem Film von Pier Paolo Pasolini wird eine neuartige Erzählung, in der die Musik von Bach neues Gewicht bekommt. In der Kohlenmischhalle der Zeche Lohberg in Dinslaken dirigiert Philippe Herreweghe das Collegium Vocale Gent (ab 14.8.).

Aber auch Richard Wagners Oper „Das Rheingold“ (ab 12.9.) wird unter Simons’ Händen eine Kreation, weil hier eben nicht nur die Noten des Meisters erklingen, in der Interpretation des russischen Ensembles MusicAeterna unter Teodor Currentzis. Der Abend dauert mit vier Stunden doppelt so lange wie gewöhnlich, unter anderem, weil der finnische DJ Mika Vainio elektronische Klänge hinzufügt. Und die Oper um den unterirdischen Schatz wird als kapitalismuskritische Chronik des Ruhrgebiets gedeutet, als Gleichnis um Industrialisierung und Ausbeutung.

Luigi Nonos Musiktheater „Prometeo“ (ab 8.9.) soll zum musikalischen Raumerlebnis werden: Vier Orchester, Solisten, ein Chor, Live-Elektronik umgeben die Zuhörer in der Kraftzentrale des Landschaftsparks Duisburg-Nord. Ganz anders die Inszenierung von „Orfeo“ nach Monteverdi in der Kokerei der Zeche Zollverein in Essen (ab 20.8.): Hier durchlaufen Kleingruppen von höchstens acht Menschen einen Parcours, der ihnen die Höllenfahrt des antiken Sängers mit Fragmenten der Oper in acht Räumen vermittelt. Der Filmemacher Julian Rosefeldt dreht zu Haydns „Schöpfung“ einen meditativen Film, der das „Anthropozän“ abbilden soll, das Menschenzeitalter, mit Bildern aus Marokko, aber auch aus dem Ruhrgebiet. Für dieses Projekt sucht die Ruhrtriennale noch 1000 Statisten.

Außerdem kehrt das Schauspiel zurück in die Triennale, und zwar mit drei Bühnenfassungen großer Romane. Émile Zolas Zyklus „Die Rougon-Macquart“ mit berühmten Bänden wie „Nana“, „Germinal“, „Der Totschläger verarbeitet Luk Perceval zu einer Trilogie, die Simons’ Intendanz drei Jahre lang begleitet. Den Auftakt macht „Liebe“ (ab 9.9.). Der polnische Regisseur kondensiert aus Marcel Prousts „Auf der Suche nach einer verlorenen Zeit“ den fünfstündigen Abend „Die Franzosen“ (ab 21.8.), der vor allem auf Aspekte wie den gesellschaftlichen Umbruch, Nationalismus und Antisemitismus fokussiert ist. Und mit Louis Couperus wird ein moderner Klassiker der niederländischen Literatur erschlossen. Die Toneelgroep Amsterdam spielt „Die stille Kraft“, worin es um den Zusammenstoß westlicher und fernöstlicher Kultur in einem Kolonialkonflikt auf Java geht (ab 18.9.).

Beim musikalischen Programm richtet sich die Ruhrtriennale neu aus. Neben der Klassik gibt es nun auch dezidiert Pop-Angebote, zum Beispiel bei „Ritournelle“ (15.8.), wo das Berliner Label „City Slang“ Geburtstag feiert mit Interpreten wie Caribou, The Notwist und Barnt, aber auch mit Musik von Karlheinz Stockhausen und mit DJs, die zum Tanz auflegen. Dem Pionier der Minimal Music, Terry Riley, wird ein Abend gewidmet, bei dem Musiker wie Mouse On Mars und Sonic Robots seine Werke neu interpretieren (29.8.).

Die Kunst bleibt bei der Triennale. Der niederländische Künstler Joep van Lieshout errichtet ein Künstlerdorf unter dem Titel „The Good, the Bad and the Ugly“ an der Jahrhunderthalle: Übergroße Skulpturen in der Form menschlicher Körper, die begehbar sind wie die „Bikini-Bar“, ein weiblicher Torso. Beim Projekt „Nomanslanding“ im Hafen Duisburg-Ruhrort gibt es Kunst auf dem Wasser. Über Stege kommt man zu einem Dom, in dem eine Klanginstallation zu erleben ist.

Ruhrtriennale 14.8. – 26.9.,

Tel. 0221/ 280 210,

www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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