Neue CD: Francesco Tristano: The Long Walk

Francesco Tristano: The Long Walk (Deutsche Grammophon). Solche Fragen füllen musikwissenschaftliche Seminararbeiten: Ob Johann Sebastian Bach in der letzten „Goldberg-Variaton“ seinen Lehrer Dietrich Buxtehude zitiert – oder ob beide bloß das gleiche Material benutzten: das Volkslied „Kraut und Rüben haben mich vertrieben“.

Der luxemburgische Pianist Francesco Tristano nimmt die erste Möglichkeit an und strickt das Album „The Long Walk“ um die zwei Barockmeister. Er spielt an auf den Fußmarsch des 20-jährigen Bach vom thüringischen Arnstadt ins 400 Kilometer entfernte Lübeck, wo 1705 der berühmte Buxtehude die Orgel bediente. „The Long Walk“ heißt auch eine Komposition Tristanos: Bach-Splitter schrägt er mit Halleffekten und Loops an, spinnt den Weg mit groovendem Bass und delikater Harmonik aus. Solche Spagate zwischen Klassik, Jazz und Techno turnt der 31-Jährige in Konzerthäusern wie in Techno-Clubs.

Im Mittelpunkt steht Buxtehudes Aria „La Capriciosa“, jene 32 „Kraut-und-Rüben“-Variationen, die ihn als kühnen Stimmungsmacher entdecken. Leider sind sie nicht einzeln anspielbar. Gelehrsam wird Tristano, wenn er direkt Bachs „Goldberg“-Quodlibet anschließt und das gemeinsame Thema in die Tasten drischt wie ein unduldsamer Klavierpädagoge. Hier wurde ebenfalls nachbearbeitet, der Klang elektronisch in die Ferne gerückt. Aber auch ohne Retusche interpretiert Tristano originell, gern exzentrisch und stets kühl. Das „Goldberg“- Thema wird von ihm dermaßen tiefenentspannt, dass jeder Triller schon nach wenigen Tönen ermattet. Vielleicht auch live in Münster (7.10./ 19.11.), Köln (9.10.), Dortmund (10.10.) und Hamburg (20.11). ▪ Elisabeth Elling

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare