Neue und alte Gesichter beim „Rock am Ring“

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Ein Mann mit Stil: Jan Delay & Disco No.1 rissen das Publikum am Ring mit. ▪

Von Sabine Fischer ▪ NÜRBURG/EIFEL–In 25 Jahren Rock am Ring hat sich die Welt verändert: Um die Festivalbesucher vor sich selbst zu schützen, haben die Veranstalter das „Crowd-Surfing“ verboten. Nicht jeder, der in den Vorjahren von Box und Bühnenrand sprang, wurde auch auf Händen getragen. Das Verbot kennt auch der moderne Punk: Aufmerksam, mit stillem Lächeln betrachtet er mit großen Augen die Welt. Aufdringlich laut ist lediglich das Ketchuprot seiner mächtigen Irokesen-Bürste. Jared Leto gibt dem Protest als Sänger der Formation „30 Seconds to Mars“ ein Gesicht, das Fotografen lieben, und kleidet die Rebellion in jungenhafte Hartnäckigkeit.

Das Mikrofon in der Hand, lässt er sich fallen und vertraut sich den Fans an, mit denen er das gesamte Konzert über im Dialog bleibt. Er lässt sich tragen, rudert und kriecht, wo Arme, die ihn halten, zu schwächeln drohen. Und wird zurück auf die Bühne gespült, um dort die ersten Zehn, die es ihm nachtun, zu sich auf die Bühne einlädt. Was folgt, ist ein skurriler Schwimmwettbewerb und Alptraum für jede Security-Kraft. Zu ruhigen, harmonischen Space-Klängen setzen sich Fans in Bewegung und lassen sich zur Bühne tragen. Natürlich sind es weit mehr als zehn, die da letztlich mit „30 Seconds to Mars“ auf der Bühne stehen. Ein stiller Protest der glücklichen Gesichter.

Leto wickelt sich in die Deutschland-Flagge und sieht zufrieden aus, als er erneut zu singen beginnt und Beth Ditto, gewichtige Front-Frau von „Gossip“ mit Putzkittel ins absurde Spiel stapft und die Bühne schrubbt. Wie bereits mit dem Projekt The Echelon, das Stimmen und Geräusche von Tausenden junger Menschen aus aller Welt auf der Platte „This is War“ vereinte, hat Leto den Ringrockern eine Episode geschenkt, die auf den Campingplätzen reifen wird zur Legende von der Möglichkeit, das System zu ändern. (Weitere Termine von 30 Seconds to Mars: 15.6. Dortmund; 22.06. Bielefeld.).

„30 Seconds to Mars“ setzten damit einen der Höhepunkt des Rock-am-Ring-Festivals, das sich im 25. Jahr seines Bestehens über erstmals über vier statt drei Tage erstreckte. Mühelos knüpften Muse daran an und boten eine bombastische Show, die an Inszenierungen von Gruppen wie Pink Floyd oder U2 erinnerte. Lichtblitze, Liveschnitte, Fließtext fügten sich zu einem flackernden Mosaik, in dessen Zentrum Bandgründer und Sänger Matthew Bellamy eine große Leidenschaft lebte. Zärtlich streichelnd, fordernd massierend und energisch schlagend brachte er seine Gitarren, darunter wieder die doppelhalsige, zum Singen. Das sich stetig steigernde Spektakel gipfelte abgehoben: Ein Ufo stieg hinter der Bühne auf, schwebte über den Zuschauern und den Klängen von „Exogenisis“ und spuckte eine Akrobatin im Raumanzug aus, die in luftiger Höhe eine glitterbesprengte Performance ablieferte.

Im Jubiläumsjahr gab Veranstalter Marek Lieberberg, der mittlerweile maßgeblich von seinem Sohn André unterstützt wird, weniger bekannten Bands eine Chance. Für die Hauptbühnen lud er sich zur Rock-am-Ring-Geburtstagsparty im Laufe der Jahre lieb gewordene Gäste ein und hatte sichtlich Spaß daran, sein Gesicht mehrfach in die Geburtstagstorte zu drücken. Jan Delay, Hammerfall oder auch der diesmal sichtlich angeschlagene aber dafür um so präsentere Lemmy Kilmister von Motörhead machten mit ihren späten Gigs die Nacht zum Tag. Rage Against the Machine versetzten Zehntausende in ekstatische Bewegungen und auch bei Slayer und Stone Sour, die sich beide in dröhnender Topform präsentierten, wirbelte Staub auf.

Der Versuch von Alice in Chains, an ihre Hochzeiten in den 90er-Jahren anzuknüpfen, glückte nicht. Nachdem der Sound stimmte, lieferten sie dennoch ein überzeugendes Set. Eher unbeweglich verharrte das Publikum auch angesichts von Beth Ditto und ihrer Formation Gossip. Im schwarzen Stretch-Anzug, ließ Ditto das kaum verhüllte Dekolletee wackeln und bediente sich für ihr wiederkehrendes „Danke, danke, dankeschön“ der Refrainmelodie des Lady-Gaga-Songs „Bad Romance“.

Puren Rock'n'Roll boten Airbourne und Slash jeweils nach einer kurzen, eher konventionellen Aufwärmphase: Airbourne-Frontmann Joel O'Keeffe schnallte Gitarre und Hose tiefer, bunkerte den Rotwein griffbereit und rollte bald hierhin, bald dorthin über den Boden, wenn er nicht gerade wie ein schweißüberströmter Derwisch von einer Bühnenseite zur anderen irrlichterte. Guns'n'Roses-Legende Slash, mittlerweile angeblich frei von Suchtproblematiken, tourt derzeit mit Freunden und hat mit Myles Kennedy von Alter Bridge einen großartigen Sänger ins Boot geholt. Kennedys Interpretationen der Roses-Klassiker „Sweet Child of Mine“ und „Paradise City“ klangen so, als wären sie nur für ihn geschrieben worden. Der charismatische Frontmann und die übrigen Musiker rissen Slash offensichtlich mit: Virtuos übernahm er die Führung, entwickelte dynamische Bögen und wurde schließlich vom Publikum frenetisch gefeiert.

Quelle: wa.de

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