Uwe Nettelbecks Buch „Der Dolomitenkrieg“

Krieg im Gebirge: Foto aus dem besprochenen Buch von Uwe Nettelbeck.

Von Ralf Stiftel Hier entfaltet der Krieg eine furchtbare Komik. Da wird zum Beispiel der medizinische Fortschritt gelobt: „Ein kopfverletzter Soldat beispielsweise, dem in zwei schweren Operationen ein großer Teil der Hirnmasse hatte entfernt werden müssen, konnte nach seiner Genesung auf das Schlachtfeld zurückkehren und verdiente sich dort, ehe er Ende 1916 fiel, noch das Kriegskreuz und die silberne Ehrenmedaille.“

Dieser zeitgenössische Artikel deckt unfreiwillig eine böse Wahrheit auf. Dass man Helden produziert, indem man ihnen das Hirn entfernt. Oder, ohne Zynismus: Wäre der arme Mann nicht besser gefahren, wenn ihn die Mediziner nicht wieder fronttauglich gemacht hätten?

Solche Stellen, an denen die Propaganda sich selbst entlarvt, muss man erst einmal finden. Uwe Nettelbeck hat 1976 ein großes kleines Buch über einen Nebenschauplatz des Ersten Weltkriegs geschrieben, „Der Dolomitenkrieg“. Das heißt, geschrieben hat er es nicht, sondern aus damaligen Zeitungen und Akten montiert. In kleinen Abschnitten wird geschildert, wie sich italienische und österreichische Gebirgstruppen zwischen 1914 und 1918 bekämpften, ohne dass je für eine Seite ein nennenswerter Geländegewinn erzielt worden wäre. Dass Krieg sinnlos ist, weiß man inzwischen vielleicht. In Nettelbecks Text sieht man, dass es sogar die wissen konnten, die ihn führten. Trotzdem kämpften sie weiter. Nun liegt der Text in einer schönen Neuedition wieder vor, mit einem sympathisierenden Nachwort von Detlev Claussen.

Das Buch hat etwas Slapstickhaftes. Die Soldaten kämpften nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen die Natur. „Bei 40 Grad minus versagten alle Schutzmittel.“ Präzise findet man die Folgen von „Erfrierung, congelatio“ in einem medizinischen Fachtext beschrieben. Lawinen werden geschildert, die ganze Einsatzgruppen vernichten. Gipfel werden gesprengt, und weil die Versorgungslage so schlecht war, wurden gleich die jagdbaren Tiere ausgerottet.

Man liest von Rollbomben, die für Abhänge erfunden waren. Wie Maulwürfe buddelten sich die Truppen durch die Berghänge, um unter den Höhlen des Feindes Sprengladungen zu zünden. Ausgefeilte Techniken des Lauschens nach feindlichen Grabungen wurden entwickelt. Am Ende steht fast hinter jedem der Einsätze Vergeblichkeit: Die Sprengung verfehlte das Ziel, richtete, abgesehen von einigen Toten, keinen nennenswerten Schaden an, traf die eigenen Truppen. Die Absurdität dieses Kriegs wird nur von seiner Grausamkeit übertroffen. Wie sie da klettern, ausschachten, marschieren, töten, erscheinen die Soldaten wie Wahnsinnige, Psychopathen.

Es ist ein Verdienst Nettelbecks, diese Gesetzmäßigkeiten des Krieges an einem isolierten, überschaubaren Beispiel zu entfalten. Seine Montage seziert ebenso das Geschehen an sich wie es die beschönigende, ideologische, manipulative Sprache dieser Medientexte durchschaubar macht. Die meisten Texte sind anonym, weder Quellen noch Autoren werden genannt. Manchmal aber fallen doch Namen. Da kann man erschrecken über die joviale Brutalität, mit der Luis Trenker von Morgensternen schwärmt, mittelalterlichen Schlagwaffen, die an die Soldaten ausgegeben wurden.

Uwe Nettelbeck: Der Dolomitenkrieg. Berenberg Verlag, Berlin. 152 S., 20 Euro

Quelle: wa.de

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