Neil Young und Crazy Horse in Köln

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Unerschütterlich und lautstark: Neil Young in Köln.

Von Achim Lettmann KÖLN -  Die alten Tour-Koffer waren schon 1979 auf dem Album-Cover von „Rust Never Sleeps“ zu sehen. Kisten in Rot und Blau, die auf der Bühne der Kölner Lanxess-Arena unter lautem Knattern geöffnet werden. Bullenstarke Fender-Verstärker sind dann zu sehen, und eine Reihe kauziger Figuren, die gestenreich und inhaltsleer umherspringen. Wo kommt das Personal her? Es passt gar nicht zu Neil Young.

Aber die Rock-Legende aus Kanada, die bei San Francisco lebt, geht bei seinem Köln-Konzert einen eigenen Weg. Ohne Spotlight und Brimborium steht Neil Young (68) neben seinen Musikern von Crazy Horse da und lauscht der deutschen Nationalhymne. Über den Verstärkern ist Schwarz-Rot-Gold geflaggt. Die Musiker heben die Hände zur Brust. Ein skurriler Konzertauftakt.

Dann brummt die E-Gitarre einen ersten bedrohlichen Akkord. Neil Young steht nun Frank „Poncho“ Sampedro gegenüber. Es ist eine Grundstellung die beide einnehmen. Nur ein paar rhythmusnahe Stemmschritte verschieben die zwei. Sie sind das Improvisationsduo – seit über vier Jahrzehnten. Das Stück heißt „Love is only Love“, aber eigentlich startet Neil Young seinen Warm up fürs Unterbewusstsein. Denn das Gitarren(spiel)-Rauschen, was nun anhebt, wird eine Erweckung fürs Ich. Neil Young hat mal gesagt, dass er „die Sinne mit dem Sound erschüttern“ will, sonst bewege sich nichts mehr. In Köln zelebriert er diese Lebensform über zwei Stunden. „Der Körper braucht das“, sagte er.

Die meditative Kraft geht von seinem neuen Album „Psychedelic Pill“ (Herbst 2012) aus. Und im Gegensatz zu anderen Bands, die immer wieder die alten Stücke spielen sollen, klingen die neuen Songs, wie eine Grundierung seines Rock-Erbes. Nach „Powderfinger“ nimmt er die „Psychedelic Pill“ und entwickelt immer mehr Kraft auf der Bühne. Gitarrist „Poncho“ Sampedro springt hoch. Mit den Oberarmen eines Bauarbeiters rammt er die Riffs dieses Stücks in die Halle. Man kann Rock-Musik arbeiten, vielleicht drei Stunden lang. Aber man kann auch jedes Stück so spielen, als wenn es die letzte Gelegenheit wäre, das Stück zu spielen. Dies ist nun der Fall.

„Walk like a Giant“ schließt sich an. Es ist eine Reaktion auf die Zeit. Trotzig pfeift Neil Young seine Melodie ins Mikro, immer wieder, wie einer, der aufs Altern pfeift, aber weiß, dass diese Uhr nicht zu stoppen ist. Was ihm bleibt, ist die Ewigkeit, daran arbeitet Young mit den Crazy Horse verbissen. Er treibt den Rhythmus an, wie ein altes Pferd. Es sind Tritte, Erschütterungen, die die Selbstwahrnehmung zu einem breiten Strom machen. Dann hebt ein Gitarrengebrüll an, das jeden Medizinmann erschrecken würde. Neil Young beschwört die Naturgewalten. Die Windmaschine arbeitet, Plastiktüten fliegen umher, wie in einer toten Stadt. Young trommelt mit den Fingern auf die Saiten, treibt die Rückkopplungen zum Donnerhall. Diese bombastische Ekstase löst sich erst mit den Regenbildern – auf den zwei Bildschirmen. Das beruhigt, und die Rufe „No rain, no rain!“ erinnern an Woodstock 1969, als alles begann mit Neil Young.

So ist dieses Konzert immer ein Versuch das ganze Musikleben aufzugreifen. „Hole in the Sky“ ist zu hören. Dann geht’s zurück in die Folk-Rock-Ära. Young greift zur Akustik-Gitarre und zur Mundharmonika. Sein herrlicher Sound zu „Heart of Gold“ löst Jubel aus, einige der gut 12 000 Besucher heulen wie Koyoten. Ganz ausverkauft ist die Arena nicht. Der bauchige Klang der Steelgitarre weckt Erinnerungen. Bei „Blowing in the Wind“ singen die meisten mit.

Neil Young kommt seiner Chronistenpflicht nach, setzt sich ans Piano und spielt „Singer Without a Song“. Zwischen den wenigen Showeffekten des Abends, schlendert eine weiß gekleidete Frau mit Gitarrenkoffer über die Bühne. Sie wirkt deplatziert, weil die Dramaturgie des Konzerts nur bei den Musikern liegt. Schlagzeuger Ralph Molina pöhlt sein Pensum runter, Bassist Billy Talbot steht oft mit dem Rücken zum Publikum.

Dann schnürrt sich Neil Young seine Boots. Das Brausen hebt wieder an. Und er singt fast jungenhaft über das Verlässliche. In „Ramada Inn“ heißt es „Every Morning Comes The Sun.“

Zum „Cinnamon Girl“ spielt er ein versponnenes Solo, und er demonstriert, wie persönlich diese hohe Form der Gitarrenmusik sein kann. Die Scheinwerfer blenden übers Publikum. Ein tolles Bild!

Schrille Soli auch zu „Hey, hey, my, my (into the black)“. Young schlägt sich auf die Brust und kämpft. Der Vater des Punk, der Vorreiter des Grunge-Rock lässt Gitarrendonner durch die Arena rollen, lauter, dröhnender, existenzieller. Erschöpfung ist spürbar, als ob ein Ritual endet. Was kommt danach? Wohl nichts Irdisches.

Dem Konzert fehlte ein bisschen die große Erzählform. Die drei Zugaben (mit „Everybody Knowes This is Nowhere“) bieten Bluesrock, aber kein Finale. Nicht mal „Like a Hurricane“. Auch seine helle, hoffnungsbeseelte Stimme war wenig zu hören. Aber Neil Young bedankt sich bei allen. Fahrt vorsichtig, sagt er, nehmt den sicheren Zug, und er will uns wiedersehen. Für jemanden, der in der Ewigkeit angekommen ist, ein leichtes Versprechen.

Quelle: wa.de

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