Neal Stephensons Thriller „Error“

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US-Autor Neal Stephenson schreibt im Thriller „Error“ über Computerspiele und Dschihadisten. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Befremdlich wirkt der Anfang von Neal Stephensons Roman „Error“ auf den deutschen Leser. Da beschreibt der US-Autor ein Thanksgiving mit großem Geballer. Groß und Klein stehen in einer Bachsenke im herbstfrostigen Iowa und feuert auf Kürbisse und Plastikmilchflaschen, aus alten Flinten, einem Sturmgewehr, dem Single-Action-Revolver und dem brünierten Unterhebelrepetierer Kaliber .30-30. Man weiß ja von der Liebe der Amerikaner zur Schusswaffe. Trotzdem wirkt diese Welt sehr bizarr.

Geschossen wird in „Error“ noch viel mehr. Der 1959 geborene Autor gehört zu den Kultfiguren der Cyberpunkliteratur. Er prägte im Roman „Snow Crash“ den Begriff „Avatar“. Er schreibt detailreich und ausführlich, seine letzten Bücher hatten alle um die 1000 Seiten Umfang. Die Barock-Trilogie führte ins Europa von Newton und Leibniz. Sein SF-Roman „Anathem“ entwarf eine Parallelwelt, in der Mönche das Wissen der Menschheit bewahrten. „Error“ hingegen ist ein relativ schlicht gestrickter Thriller über das Trauma der USA – dass Dschihadisten das Land of the free überfallen.

Sein Szenario entwickelt er geschickt. Richard Forthrast, der reiche Onkel des Ballermann-Clans, hat mit einem Online-Computerspiel ein Vermögen gemacht. „T'Rain“ wird – ähnlich wie das wirklich existierende World Of Warcraft – weltweit online gespielt. Forthrast bietet seiner arbeitslosen Nichte Zula einen Job in seiner Corporation 9592 an. Was wiederum ihren Freund Peter ins Spiel bringt, einen Tunichtgut, der Geschäfte mit den falschen Leuten macht. Dabei kommt es zu einem Betriebsunfall: Der Computervirus „Reamde“ blockiert einige wichtige Daten der russischen Mafia. Eigentlich eine eher harmlose Erpressung einiger chinesischer Hacker, die über die virtuelle Welt des T'Rain-Spiels reales Lösegeld ergattern wollen. Aber schnell laufen die Ereignisse sowohl in der Spielewelt als auch in der wirklichen aus dem Ruder.

Es braucht schon einen Mann wie Stephenson, um dieses Bündel von Parallelaktionen mit Personal in Kompaniestärke so in einen Roman zu bringen, dass der Leser einigermaßen die Übersicht behält. Der Autor führt aus Iowa ins chinesische Xiamen und zurück nach Idaho an die Grenze zwischen den USA und Kanada, und ins westliche Torgai-Vorgebirge der T'Rain-Welt. Er schildert, mit welchen Tricks ein russischer Afghanistan-Veteran ohne Papiere einen Weg aus Xiamen findet und wie das Dschihadisten-Kommando die Luftraumüberwachung überlistet. Er zeigt, wie sich Fronten verschieben, so unterschiedliche Figuren wie der chinesische Hacker und die britische MI6-Agentin zusammen arbeiten.

Dabei ist das Buch absolut auf der Höhe der digitalen Welt. Die Allgegenwart von Wikipedia, Google und Co ist fein beobachtet: Richard Forthrast muss sich nicht mehr mit einem Image, sondern mit seinem Wikipedia-Artikel auseinandersetzen. Es gibt bezaubernd hämische Porträts zweier Schriftsteller, die angeheuert wurden, um T'Rain interessanter zu gestalten.

Der Thriller füttert ungeniert die Angst der Amerikaner, indem er eine Terror-Infrastruktur ausmalt. Das könnte ein ziemlich schreckliches Buch sein, wäre da nicht die Lust an überraschenden Wendungen und strategischen Pointen. Und natürlich eine durchgängige Ironie. Man sollte das nicht zu ernst nehmen, signalisiert Stephenson uns, wenn er den Terrorchef Abdallah Jones auf „die am schwersten bewaffneten Zivilisten der Weltgeschichte“ treffen lässt, auf „Waffennarren in einem Maße, dass sich Paschtunen daneben wie Quäker ausnahmen“.

Neal Stephenson: Error. Deutsch von Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl. Manhattan Verlag, München. 1024 S., 24,99 Euro

Quelle: wa.de

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