Navid Kermanis „Ungläubiges Staunen“

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Blickt von außen auf das Christentum: Navid Kermani, der den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält.

Von Elisabeth Elling Bäh, denkt Judith, muss das so spritzen? Mit einem Schwert köpft sie den Tyrannen Holofernes. Auf dem Caravaggio-Gemälde (1598/99), das die alttestamentarische Szene zeigt, verzieht sie ihr Gesicht vor Ekel. Navid Kermani erkennt in ihrer Miene einen „Schmollmund“. Eine solche Halsabschneiderin stehe als Retterin keinem Volk gut an, schreibt er, „schon gar nicht einem Volk Gottes“.

Das Gemälde „Judith und Holofernes“, das Kermani in Rom im Palazzo Barberini betrachtet hat, ist eines von 40 Kunstwerken, über die er sich dem Christentum nähert: „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“. Nicht als Kunsthistoriker, sondern mit blanker Neugier spürt er den Motiven der Maler nach. Dabei denkt er sich sein Teil, als Islam-Wissenschaftler und als vom schiitischen Großvater geprägter Muslim.

Seine Betrachtungen führen ihn oft zu islamisch Vertrautem im christlichen Fremden. Diese Schnittmenge nennt Kermani „sein Christentum“, und sie macht sein Bilder-Buch zu einer überraschungsreichen und erstaunlichen Lektüre. Kermani wurde 1967 in Siegen als Sohn iranischer Einwanderer geboren; in wenigen Tagen erhält er in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Differenzen in den religiösen Positionen formuliert er gelassen und präzise. Der Islam ist für ihn rationaler und im strengeren Sinne eine Schriftreligion als das Christentum. Dieses habe auf dem Konzil von Nicäa 325 mit dem dreifaltigen Gottesbild den Monotheismus verwässert, allerdings auch emotional zugänglicher gemacht. Der Islam habe drei Jahrhunderte später den Glauben an den einen Gott gewissermaßen restauriert. Jesus ist ihm „ein“ und nicht „der“ Sohn Gottes, er wurde nicht gekreuzigt, war aber ein her-ausragender Prophet. Die katholische Kirche befremdet Kermani als Machtkomplex mit rigiden Moralansprüchen. Trotzdem interessiert ihn vor allem der Katholizismus; den Protestantismus nimmt er mit milder Herablassung zur Kenntnis, er ist ihm zu prachtlos, farbarm, inkonsequent.

Kermani sucht das Banale, Alltägliche und Menschliche in den Werken, nicht die Verklärung oder das Dogma. So gerät er nach wenigen Zeilen in interreligiöse Dialoge – manchmal mit einem „katholischen Freund“, meist im Selbstgespräch. Eine Kreuzigungsszene von Guido Reni aus den 1630ern (Rom, San Lorenzo in Lucina) versöhnt ihn mit der anstößigen „Lust, die katholische Darstellungen an Jesu Leiden haben“ und sogar mit dem Kreuz: Genauer betrachtet ist dieser Jesus nicht der Sohn Gottes, sondern ein sterbender Mensch. In Caravaggios „Kreuzigung Petri“ (Santa Maria del Popolo, Rom) liest er im Gesicht des Apostels gleichzeitig Gottvertrauen und Fassungslosigkeit. An der spätgotische Monstranz eines Kölner Goldschmieds (um 1400) erinnern ihn die Apostelfiguren an Tippkick-Spieler aus Kindheitstagen. Das fast meterhohe Gefäß, in dem in der katholischen Liturgie die Hostie präsentiert wird, führt zur Beobachtung der Eucharistie: Sie erscheint ihm abwegig, gleichzeitig erlebt er einen „Sog“: „konkret wie einen Windhauch oder einen wärmenden Sonnenstrahl, obwohl ich es nicht glauben kann“.

Kermani beschwört keine Weltreligion, allerdings berühren religiöse Gegensätze für ihn nicht den Kern des Glaubens. Auf diese Weise ist ein Satz wie dieser zu verstehen: „So halte ich die Möglichkeit zwar für falsch – aber erkenne, mehr noch: spüre, warum das Christentum eine Möglichkeit ist.“ Nicht alle Texte sind so intim, einige sind eher „Ich-sehe-was-das-du-nicht-siehst“-Spielchen: War die heilige Ursula wirklich schwanger? Malte Leonardo da Vinci den Kirchenvater Hieronymus als eitlen Unsympathen?

Ein weiteres Caravaggio-Gemälde – „Die Opferung Isaaks“ (1602/03), von der Abraham im letzter Sekunde durch einen Engel abgehalten wird – mündet in eine Art Glaubensbekenntnis. Dass Abraham bereit ist, seinen Sohn zu opfern, berichten das Alte Testament wie der Koran. Für Kermani erzählt diese Geschichte aber, wie Gott das Menschenopfer abschafft, und sie offenbart so „seinen“ Islam.

Navid Kermani: Ungläubiges Staunen. Über das Christentum. Verlag C. H. Beck, München.

303 S., 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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