Wie Napoléon in Russland scheiterte. Adam Zamoyski verfasste die Studie „1812“ im C.H. Beck Verlag

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Der Historiker Adam Zamoyski ▪

Von Jörn Funke ▪ Die Befehle wurden auf Französisch gegeben – auf beiden Seiten. Im Sommer 1812, vor 200 Jahren, wälzte sich die größte Armee, die die Welt bis dahin gesehen hatte, in Richtung Osten. Franzosen, Preußen, Polen, Italiener, Bayern, Badener, Württemberger, Sachsen und Niederländer, eine mehr als 400 000 Mann starke „Grande Armée“, suchte die Entscheidung gegen russische Truppen, deren Offiziere kaum der Landessprache mächtig waren.

Der französische Kaiser Napoléon (1769-1821) wollte Russland in die Knie zwingen, eroberte Moskau und scheiterte trotzdem. Schuld an dem Fiasko war nicht der harte russische Winter, schreibt der britisch-polnische Historiker Adam Zamoyski. In seiner brillanten Studie „1812“ macht er strategische und taktische Fehler aus, die zum Untergang der Grande Armée und zum Ende der napoleonischen Herrschaft in Europa führten.

Der Krieg zwischen Frankreich und Russland, das schickt Zamoyski vorweg, war eigentlich überflüssig. Beide Länder hatten keine unüberbrückbaren Differenzen. Napoleon allerdings wollte Zar Alexander I. (1777-1825) mit aller Macht in sein gegen Großbritannien gerichtetes Bündnissystem einbinden. Als die Russen sich da nicht fügten, baute der Kaiser eine Drohkulisse in Form eines gigantischen Heeres auf. Am 24. Juni 1812 überschritten Napoléons Truppen den Njemen. Auf nennenswerten Widerstand trafen sie nicht.

Napoléons Idee, so schreibt Zamoyski, war es, die Russen schnell zu schlagen und den Zaren dann zurechtzuweisen. Vor der überlegenen französischen Militärmacht hatten sich schließlich bisher alle gebeugt. Doch die Russen zogen sich permanent zurück; erst in Borodino, vor den Toren Moskaus, stellten sie sich der Schlacht. Napoléons Strategie war lückenhaft, sein Gegenspieler Michail Kutusow (1745-183) hatte gar keine. Zamoyski beschreibt detailliert, wie die Soldaten im Feuer aushielten, während ihre Nebenleute erschossen wurden; es ist eine Hölle aus Hunger, Durst, Todesangst und Durchfall. Die Franzosen verloren 28 000, die Russen 45 000 Mann.

Für die Franzosen wurde Borodino zum Phyrrussieg. Sie büßten fast ihre gesamte Kavallerie ein; durch Napoléons Zögern verpassen sie auch die Gelegenheit, die russische Armee vollständig zu vernichten. In Moskau glaubte Napoléon dann, sein Ziel erreicht zu haben. Die Hauptstadt des Gegners war erobert, der Krieg damit nach westeuropäischen Maßstäben gewonnen. Der Kaiser wartete auf die Kapitulationserklärung des Zaren, die nie kam. Napoléon wusste einfach nicht, was er tun sollte.

Der Rückzug begann spät und war miserabel organisiert. Auf die ersten leichten Schneefälle war niemand vorbereitet, sie stürzten die Grande Armée ins Chaos. Zamoyski beschreibt aufopfernde Pioniere, die im eiskalten Wasser der Beresina Behelfsbrücken bauen. Und einen Kaiser, der ungerührt nach Paris fährt, um die nächste Armee aufzustellen.

Adam Zamoyski: 1812. Napoleons Feldzug gegen Russland. Verlag C. H. Beck, München 2012. 720 Seiten. 29,95 Euro

Quelle: wa.de

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