„Nach Norden“: Haus Opherdicke zeigt deutsche Künstler aus dem Exil

Melancholisch: Lotte Lasersteins „Lesender Mann auf Veranda“ ist in Opherdicke zu sehen. Fotos: Kersten | © VG Bild-Kunst Bonn

Holzwickede – Entspannt blickt der Mann auf die Zeitung. Er sitzt auf einer Veranda, hinter sich grüne Bäume und einen Waldsee. Lotte Laserstein malte das Bild in den 1940er Jahren. In dem Werk klingt die Neue Sachlichkeit nach, aber das gleichsam kühle Sommerlicht und die milde Melancholie zeugen von der neuen Umgebung, in der die Künstlerin lebte. Sie war vor der Verfolgung als „Dreivierteljüdin“ durch die Nazis aus Deutschland nach Schweden geflohen.

Lotte Laserstein (1898–1993) erlebt gerade einen Boom auf dem Kunstmarkt. 2019 waren ihr gleich drei große Ausstellungen gewidmet, in Frankfurt, Berlin und Kiel. Nun sind Werke von ihr auch auf Haus Opherdicke in Holzwickede zu sehen. Die Ausstellung „Nach Norden“ umfasst Arbeiten von 14 Künstlern, die aus Deutschland ins Exil nach Skandinavien flohen. Die meisten der rund 100 ausgestellten Werke stammen aus der Sammlung von Thomas B. Schumann. Der Verleger aus Hürth sammelt seit vielen Jahren Bücher und Nachlässe von Emigranten, er besitzt aber auch 800 Kunstwerke.

Die Kuratoren Sally Müller und Arne Reimann haben aus dem Fundus Werke ausgewählt, die auf spannungsvolle Weise zeigen, wie die neue Heimat Spuren in den Bildern der Geflohenen hinterließ. Manchmal ist das nicht zu übersehen wie in Paul Wieghardts Bild „Auf dem Fluss Akerselven (Tomtebryggen, Oslo)“ (1936). Bruno Krauskopf malt einen „Dorfweiher im Winter“ (1930er Jahre), der fast klischeehaft unseren Vorstellungen vom ländlichen Skandinavien entspricht. Hans Tombrocks „Hütte an der Küste“ (1940er Jahre) bietet einen Blick über einen Nordmeer-Fjord.

Aber die Nachwirkung konnte auch indirekter sein. Otto Ehrich war erst nach Finnland, dann nach Schweden geflohen. Nach dem Krieg übersiedelte der Freund und Schüler des Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff in die Schweiz. Dort entstanden farbstarke, intensive Aquarelle wie „Winterabend bei Ascona“ (1949), in dem Kurator Reimann noch die kühle, klare Stimmung des nördlichen Lichts wiederfindet.

Es ist eine überaus weit gespannte Schau. Einige Künstler sind berühmt, neben Lotte Laserstein zum Beispiel Peter Weiss (1916–1982), der ja nicht nur mit Stücken wie „Marat/Sade“ und „Die Ermittlung“ und dem Roman „Die Ästhetik des Widerstands“ zu den wichtigen deutschsprachigen Nachkriegsautoren gehörte, sondern auch ausgebildeter Maler war. Sein wuchtiges Frontalporträt der „Kartenlegerin“ (1944) gehört zu den Höhepunkten der Schau. Mit ihm befreundet war Ernst Martin Benedikt (1882–1973), von dem surreale, expressive Gouachen wie „Gefährliche Wandlung“ zu sehen sind, ein Baum, der in Flammen steht und geradezu explodiert.

Zu den prominenteren Künstlern gehört auch Paul Wieghardt, dem gerade seine Geburtsstadt Lüdenscheid eine große Retrospektive widmet. Auch Hans Tombrock (1885–1966), der in Dortmund geborene Vagabunden-Maler, der sich in Stockholm mit Bertolt Brecht anfreundete, gehört zu den bekannten Künstlern. Er porträtierte nicht nur den Pfeife rauchenden Samen vor seinem Zelt. Sein Bildnis eines südländischen Jungen am Meer sieht man heute, wo es eine viel größere Fluchtwelle nach Norden über das Mittelmeer gibt, als Vorausdeutung.

Aber man findet auch unbekannte Künstler wie Erwin Graumann (1902–1988), einen Schüler Karl Hofers, der sich im Exil surrealen Tendenzen zuwandte, wie die Farblithografie „Der Fisch“ (1935) belegt. In der Nachfolge von Matisse steht die Malerin Helga Leiser-Fejne (1913–1952), deren expressiven, farbstarken Bilder wie das „Stillleben mit Zitronen“ (1949) noch nicht in Deutschland zu sehen waren. Selbst in Schumanns Sammlung fehlen ihre Werke. Die Kuratoren stießen bei der Vorbereitung der Schau auf sie und konnten aus Privatbesitz eine Reihe von Gemälden und Papierarbeiten ausleihen.

Abgerundet wird die Schau mit Arbeiten der schwedischen Künstlerin Ann Böttcher, die sich in Collagen und Zeichnungen mit dem Motiv des Waldes befasst. Da stehen zarte, intime Bleistiftblätter von dicht belaubten Zweigen neben historischem Bildmaterial, das die Vereinnahmung des „deutschen Waldes“ durch nationalsozialistische Ideologen dokumentiert. Da heißt es unter einem zeitgenössischen Foto, eine Arve halte „Wacht“, es ist von „Vorposten“ die Rede, als seien die Bäume Soldaten.

Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr, bis 9.8., di – so 10.30–17.30 Uhr,

Tel. 02301/ 918 39 72, www. kreis-unna.de/haus-opherdicke, Katalog, Verlag Kettler, Dortmund, 25 Euro

Quelle: wa.de

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