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Nach langer Renovierung öffnet Schloss Cappenberg mit Bildern von Heinrich Graf Luckner

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Von: Ralf Stiftel

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Herbst aus Heinrich Graf Luckners Wandmalerei „Die vier Jahreszeiten“ auf Schloss Cappenberg
Früchte und Blüten über dem Kamin: Der Herbst aus Heinrich Graf Luckners Wandmalerei „Die vier Jahreszeiten“ auf Schloss Cappenberg, das nach der Renovierung wieder öffnet. Foto: Thomas Kersten © Th.Kersten

Selm – Eigentlich sieht man nicht viel davon, wie viel investiert wurde auf Schloss Cappenberg. Natürlich, da gibt es endlich einen richtigen Museumseingang mit Theke und Verkaufsstand für Kataloge. Es gibt elektrische Türöffner, an die sich auch die Damen von der Aufsicht erst noch gewöhnen müssen. Es gibt einen Aufzug, so dass das Museum, das der Kreis Unna und der Landschaftsverband Westfalen-Lippe gemeinsam betreiben, endlich barrierefrei ist und die klimatechnischen Anforderungen für anspruchsvolle Kunstpräsentationen erfüllt. Natürlich glänzt alles neu, zum Beispiel das wunderbare geometrisch gemusterte Parkett im oberen Saal. Aber sonst sollte man ja auch nicht allzuviel sehen von Veränderungen. Schließlich steht das Schloss unter Denkmalschutz.

Sechs Jahre lang dauerte die Renovierung. Den größten Teil der rund 4,5 Millionen Euro Kosten trug der Schlossherr und Vermieter Graf Sebastian von Kanitz. Ab Freitag kann endlich auch das Publikum wieder in den museal genutzten Südflügel der Anlage strömen. Es gibt auch wieder prachtvolle Kunst zu sehen und aufschlussreiche Informationen zur Geschichte. Beide Ausstellungen sind auf ihren Schauplatz abgestimmt.

Schon das Schloss ist Kunst. Im Gartensaal vollendete 1938 Heinrich Graf Luckner (1891–1970) ein dauerhaftes Kunstwerk, die vier Jahreszeiten. Anlass für Arne Reimann und Wilko Austermann, Kuratoren des Kreises Unna, diesem aus Pommern stammenden Künstler eine umfassende Werkschau mit rund 100 Gemälden und Arbeiten auf Papier zu widmen. Es ist die erste. Dabei war Luckner in der Nachkriegszeit anerkannt. Er porträtierte prominente Politiker, in Cappenberg hängen offizielle Bildnisse des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss und der FDP-Bundestagsabgeordneten Marie-Elisabeth Lüders aus der Ehrengalerie des Abgeordnetenhauses in Berlin. Er malte den „Brücke“-Expressionisten Max Pechstein und den Architekten Hans Scharoun. Er hatte eine Professur an der Berliner Hochschule für Bildende Künste, war Mitglied der Akademie der Künste. Und doch spielt er heute keine Rolle mehr im Ausstellungsbetrieb. Insoweit gehört er auch zur verlorenen Generation der Künstler, die ihre ästhetische Prägung zwischen den Kriegen erlebten und deren Wiederentdeckung Reimann und Austermann in zahlreichen Ausstellungen betreiben.

Luckner erlebte zwar keine persönliche Verfolgung. Einige seiner Bilder aber belegten die NS-Machthaber mit dem Schmähurteil der „entarteten Kunst“. 1945 wurde sein Berliner Ateilier ausgebombt, ein Großteil seiner Werke vernichtet. Der Künstler ist aber auch wegen seiner persönlichen Verbindungen zu Cappenberg interessant. Luckner war mit der Familie Kanitz befreundet. In der Schau sieht man Landschaftsdarstellungen und eine Zeichnung der Stiftskirche. Eine Tante des heutigen Schlossherrn war Luckners Patentochter, die er mehrfach porträtierte, wie auch andere Familienmitglieder.

Spannend an Luckner ist seine Zwischenposition. Er stand Neuerungen aufgeschlossen gegenüber. So hängt in der Schau eine großformatige Kreuzigung, die er 1926 für die damalige evangelische Kirche im Schloss fertigte. Der Körper Christi und das Kruzifix sind expressiv-realistisch dargestellt. Der Hintergrund ist eine gestisch-abstrakte Kulisse, die jede Andeutung von Landschaft aufgibt. Nach 1945 wurde die gestische Abstraktion zum Leitstil. Luckner arbeitete weiter gegenständlich, auch wenn in vielen Bildern eine Affinität zum Informel erkennbar ist. Gerade seinen Porträts verleiht er damit Modernität. In seinem Porträt der Bundestagsabgeordneten Marie-Elisabeth Lüders (1958) löst er das Karomuster der Jacke in ein loses Muster aus Pinselstrichen auf. Auch hier positioniert er die Figur nicht in einem erkennbaren Raum, sondern er umgibt sie mit einem abstrakten Gewölk aus Rot- und Grüntönen. Noch extremer arbeitet er in seinem Bildnis Mary Wigman (1960), der Wegbereiterin des Ausdruckstanzes. Er führt darin nur einzelne Körperpartien aus, den Kopf, die Schultern, die rechte Hand mit der Zigarette. Um diese Einzelheiten herum ist nichts als bewegte Farbe, ein Tanz der Pinselstriche. In späten Werken greift er Elemente der klassischen Moderne auf. „Proteus“ (1963) verbildlicht eine Gestalt aus Goethes Drama „Faust“, das leuchtend orange Mischwesen könnte vom Surrealisten Max Ernst stammen.

Luckner war nie Avantgarde, er schuf eher eine Synthese aus einer thematisch noch dem 19. Jahrhundert verhafteten Historienmalerei und modernen Techniken. Die Wandmalerei zum Beispiel beschwört ein zeitloses arkadisches Glück mit antiken Motiven. Er kam zu früh für die Postmoderne. In seinen Werken ist ein eigentümlicher Künstler zu entdecken.

Die zweite Ausstellung ist von den Inhalten nicht neu. Das Landesmuseum zeichnet auf 500 Quadratmetern Leben und Werk des prominentesten Hausherrn und Ahnen der Familie von Kanitz nach, des Freiherrn vom Stein (1757-1831). Der preußische Adlige hat als Reformer die Entwicklung gerade auch von Nordrhein-Westfalen beeinflusst, etwa mit der Aufhebung der Leibeigenschaft, der Förderung des Ruhrbergbaus, der Einführung des Papiergelds, der kommunalen Selbstverwaltung. Er ließ in Unna-Königsborn die erste Dampfmaschine aufstellen.

Im ersten Stock sind die Schlossräume als herrschaftliche Salons im Stil des Biedermeier gestaltet, mit Mobiliar aus Museumsbeständen, das nicht original ist, aber aus der Zeit stammt, mit Bildnissen und Dokumenten. Die von Gerd Dethlefs vom Landesmuseum kuratierte Schau verzichtet auf umfangreiche Beschriftungen an den Wänden. Besucher bekommen einen Audioguide, der an markierten Punkten Informationen zu den jeweiligen Schaustücken abspielt. So empfängt der fiktive Kammerdiener Johann die Gäste und bringt ihnen anhand von Brief-Faksimiles und Porträts von Bekannten wie Goethe und Alexander von Humboldt den Politiker nahe. Eine weitere Stimme gehört dem Dienstmädchen Luise, das mit westfälischem Zungenschlag ausführt, was den Freiherrn „fuchtig“ machte. Und in die Bibliothek führt gar der Freiherr selbst.

Zugänglich ab Freitag, 8.4., Eröffnungsprogramm Sonntag, 10.4., ab 10 Uhr,

Ausstellung bis 7.8., di – so 10 – 17.30 Uhr,

Tel. 02303/ 277 041, www.museum-schloss-

cappenberg.de,

Katalog, Verlag Kettler, Dortmund, 30 Euro

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