Das Musical West Side Story begeistert in der Originalproduktion in der Kölner Philharmonie

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So viel Liebe ist selten: Elena Sancho Pereg (Maria) und Liam Toben (Tony) in der großartigen Original-Produktion von „West Side Story“ in der Kölner Philharmonie. ▪

Von Achim Lettmann ▪ KÖLN–Es war einmal in Amerika – die „West Side Story“. Das Musical aus New York, das 1957 am Broadway uraufgeführt wurde, hat dem Musiktheater einen Modernitätsschub verpasst.

Leonard Bernstein (Musik), Jerome Robbins (Choreografie), Arthur Laurents (Buch) und Stephen Sondheim (Liedtexte) entwickelten dabei eine Zusammenarbeit, die den kreativen Prozess großer Produktionen verändern sollte. Geschichten wurden fortan anders erzählt. Tänzer verwandelten sich zu Jugendlichen von der Straße. Die Choreografie erwachte zum Ausdrucksmittel für Menschen, die jeder kennt. Der Text forcierte Emotionen und Wut, griff soziale Realität und Gewalt auf. Die Musik mischte symphonisches Volumen, mit Jazz, Rock und Mambo.

Dieser theaterhistorischen Leistung der „West Side Story“ ist eine Produktion gewidmet, die in Köln läuft, und nach Essen kommt. Joey McKneely, Choreograf und Regisseur, und Donald Chan, Dirigent und Komponist, dürfen als einzige das Original des Musicals von 1957 wieder auf die Bühne bringen (mit deutschen Übertiteln). Die Lizenzverwalter hatten zugestimmt.

Dabei wurden die Tanzschritte von damals tatsächlich genau einstudiert. Aktuelle Einflüße von HipHop und Rap sind nicht erwünscht. Nur das Original zählt. Die Tänzerinnen und Tänzer, die in der Kölner Premiere auftreten, verströmen die Energie, die die „West Side Story“ ausmacht. Zum 50-jährigen Bühnenjubiläum ist eine Produktion erarbeitet worden, die aufgrund ihres Erfolgs auch in diesem Jahr wieder zu sehen ist.

Die Philharmonie in Köln bietet den Vorteil, dass das Publikum direkt vor der Bühne sitzt. Donald Chan dirigiert im Foyer 26 Musiker. Ihr Sound wird in den Konzertsaal übertragen. Und der Klang lässt nichts vermissen. Wenn Liam Tobin „Maria, Maria, Maria“ singt, wird spürbar, dass diese Story vor allem von der ersten Liebe erzählt. Grundlage des Plots um Bandenkriege und vergebliche Zweisamkeit ist Shakespeares „Romeo und Julia“. Elena Sancho Pereg ist eine unauffällige Schönheit, die aufblüht, als sie Tony begegnet. Beide stehen plötzlich am Tanzabend voreinander: erste Blicke, ihre Hände berühren sich, gemeinsame Schritte folgen und ein Kuss. Soviel Anfang ist selten auf der Bühne zu spüren. Der Amerikaner mit polnischen Vorfahren und die Puertoricanerin. Die Balkonszene spielt auf den Feuerleitern hinter den Wolkenkratzern der Lower East Side Manhattans. Paul Gallis hat die Bühnenbauten transparent gelassen. Doc‘s Drugstore ist nur ein Schild, der Laden für Hochzeitskleider nur flüchtiger Teil der Hinterhöfe. Alles scheint sich zu bewegen. Ein riesiges Schwarzweiß-Foto symbolisiert die graue Rückseite der Hochhausschluchten. Hier stoßen die Jets und Sharks zusammen. Ihre Sprünge und Auftritte leben von der Identität, die sie sich selbst geben. Feist und derb legen sie einen Polizisten rein und machen sich über Benimmregeln lustig. Wie fiebrig die Jets sind, wird in der Nummer „Keep Cool, Boy“ spürbar. Ihr Fingerschnipsen lenkt für Momente ab. Die Nacht der Nächte kommt noch.

Die Dramaturgie der „West Side Story“ funktioniert. Auch wenn sich Riff, Bernardo und Co. noch von der Triller-Pfeife des Gesetzes erschrecken lassen. Das Motiv für ihre Gewalt ist über New York hinaus zutreffend: Chancenlosigkeit.

Ironisch gehen die Puertoricanerinnen mit der neuen Welt um („I like to be in America“). Yanira Marin ist eine feurige Anita. Ihr Liebhaber Nardo, Marias Bruder, stirbt beim Bandenkrieg, deshalb fordert sie Solidarität von Maria. Beide Frauen spüren allerdings, wie sehr sie auf Liebe setzen, um ihr Glück zu fassen: „Alles was er ist, bin ich auch.“

Der Inszenierung gelingen ganz ergreifende Szenen. Wenn in der weiß durchfluteten Traumszene („Somewhere“) eine Multi-Kulti-Hochzeit probiert wird, die den Liebenden letztlich verwehrt bleibt. Und wenn Maria den erschossenen Tony umarmt, bleibt sie allein. Das Musical endet ohne Happyend, ohne Hoffnung. So viel Realität traut sich heute keine große Produktion in unseren Musicalhäusern mehr zu.

Die Termine

Der Broadway-Klassiker ist bis 29. Juli in der Kölner Philharmonie zu sehen. Karten-Tel. 0221 / 2801 und 280 280.

Und vom 11. bis 20. Oktober im Colosseum Theater Essen. Tickethotline 01805 / 2001 (14 Cent/min. aus dt. Festnetz) für beide Spielorte.

http://www.westsidestory.de

Quelle: wa.de

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