Therapie gescheitert: Das Musical „Next to normal (Fast normal)“ in Dortmund

Pillen und Pathos

+
Premiere des Musicals "Next to normal (Fast normal)" in Dortmund

Dortmund - Der Psychiater verzettelt sich in den Anwendungshinweisen für Dianas Tabletten. Die runden blauen muss sie zum Essen einnehmen, die weißen zusammen mit den gelben, aber bloß nicht mit den eckigen grünen, die muss sie nämlich dritteln und so weiter. Die Botschaft: Pillen sind keine Lösung für Dianas bipolare Störung. 

Hypnose, so wird sich zeigen, hilft ihr auch nicht, ebenso wenig die Elektrokrampftherapie, vulgo: Elektroschocks.

Das Musical „Next to normal (Fast normal)“ hat ein erstaunliches Thema: wie eine Hausfrau und Mutter zwischen manischen und depressiven Phasen hin- und herschleudert und wie ihre Krankheit das Leben der Familie bestimmt. 

Im Dortmunder Opernhaus inszeniert Stefan Huber die 150 Minuten mit namhaften, starken Darstellern und viel Tempo. Trotzdem ist „Next to normal“ langatmig, uninteressant und verblüffend harmlos.

Dritte deutsche Produktion des Broadway-Stücks

Dortmund zeigt erst die dritte deutsche Produktion des Broadway-Stücks (2008) von Tom Kitt (Musik) und Brian Yorkey (Libretto, Übersetzung: Titus Hoffmann), das in den USA unter anderem mit dem Pulitzer-Preis dekoriert wurde. 

Dabei nutzt sich das ungewöhnliche Sujet bereits in zwei, drei Pointen ab, die sich Psychiatrie-kritisch geben: „Ich spüre gar nichts mehr...“, klagt Diana ihrem Psychiater, und der diktiert für die Krankenakte: „Patientin stabil!“ Oder die Szene, in der Diana ihrem Mann mitteilt, dass sie die ganzen Tabletten weggeworfen hat: „Wir haben die glücklichste Klospülung der Straße!“

Gespielt wird auf einer zweistöckigen offenen Bühne, hinter der die Band spielt. Die Räume mit Sichtbeton und Treppen lassen sich hin- und herschieben, Tisch, Stühle und Sofa in Weiß formen die Küche daheim oder die Therapeutenpraxis (Bühne: Timo Dentler, Okarina Peter).

Familienaufstellung mit bestürzenden Momenten

Die Familiengeschichte wird in Klischees schabloniert, säuberlich sortiert wie Dianas bunte Pillen in ihren Blisterfolien: Dan (Rob Fowler) müht sich, die Familie zusammen zu halten und steht in Treue fest zu seiner Jugendliebe Diana – Rob Fowler zwingt ihn zu Durchhaltewillen und aufgesetzter Munterkeit. 

Dan sucht in Depressions-Chatrooms nach Rat und schleppt Diana zu verschiedenen seltsamen Seelenklempnern (Jörg Neubauer). 

Tochter Natalie (Eva Rades) ist anfangs ein Mustermädchen in Faltenrock und Kniestrümpfen (Kostüme: Susanne Hubrich). Sie flüchtet aus der elterlichen Vernachlässigung und aus der Angst, die Krankheit der Mutter geerbt zu haben, in Drogen und Partys. Außerdem ist sie gemein zu ihrem Freund Henry (Dustin Smailes). 

Diana (Maya Hakvoort) wird von einem Gespenst begleitet, ihrem Sohn Gabe. Der starb als Baby vor Natalies Geburt, doch ist er für Diana inzwischen groß geworden. Gabe (Johannes Huth) bestärkt ihre manischen Ausschläge, bedroht ihren Lebenswillen in der Depression und ist eine völlig unausgegorene Figur.

Diese Familienaufstellung birgt bestürzende Momente, doch werden die gleich eingelullt, als würde die nächste Pille eingeworfen: Nahezu pausenlos plätschert die Musik, vor allem Piano-Pop mit Hang zur pathetischen Ballade – zur sechsköpfigen Band, geleitet von Keyboarder Kai Tietje, gehören Geige und Cello. 

Auf Heilung ist nicht zu hoffen

Dazu gibt es ein bisschen Jazz, etwas Country, ein Menuett und sogar eine Nummer im Fünfvierteltakt. Den engagierten Musikern und Sängern ist nicht anzulasten, dass die üblichen, gefälligen Genre-Standards einfach nicht zum Inhalt passen.

Dabei wird auch der zurechtgebogen, dass so etwas wie ein Happy End rauskommt. Mutter und Tochter nähern sich endlich an, der Vater erkennt endlich den Tod des Sohnes als Ursache allen Leids (nach 18 Jahren und diversen Therapien), Natalie vertraut endlich den guten Absichten des braven Henry. 

Und Diana, die Dan mittlerweile verlassen hat, um ihren „eigenen Weg“ zu finden, stimmt ein ins peinliche Final-Sextett: „Es gibt ein Licht, bleibt die Hoffnung nur in Sicht.“ Auf Heilung ist da wirklich nicht zu hoffen.

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare