Musical „Kein Pardon“ nach Hape Kerkeling in Düsseldorf

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Unglücklich im Glückshasenkostüm: Enrico De Pieri als Peter Schlönzke in „Kein Pardon“ in Düsseldorf. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DÜSSELDORF–Die gewellte Frisur sitzt wie festbetoniert. Das Glitzersakko glitzert. Heinz Wäscher regiert die Showtreppe. Der lustige Glückshase stolpert hinterdrein. Ja, dies ist die beliebte Fernsehshow „Witzigkeit kennt keine Grenzen“. Hape Kerkelings Film „Kein Pardon“ kommt live auf die Musical-Bühne im Capitol-Theater Düsseldorf. Darum singen sie viele neue Lieder und einige bekannte wie das von der „Witzischkeit“. Und sie tanzen. Und es ist immer noch sehr lustig.

Der Entertainer selbst steht nicht auf der Bühne, einem übergroßen, stilisierten Nostalgie-TV-Gerät. Kerkeling begrüßt trotzdem die Zuschauer im Einspielfilm als beschwipste Fernsehansagerin, deren schwere Zunge beim „bunten Strauß herrlicher Musik“ stolpert. Dafür sieht man Dirk Bach, der die blaue Showmaster-Jacke souverän füllt.

Der Comedian Thomas Hermanns schrieb die Bühnenfassung. Kerkelings Film-Debüt von 1993 hat ohnehin das Zeug dafür, das Melodram um den fernsehsüchtigen Peter Schlönzke aus Bottrop, der den Moderator Wäscher vergöttert, schreit nach pathetischen Hymnen wie „Kumpel Nummer Eins“. Es war ja schon alles eingeplant: Gesang, Kapelle, Ballett. Eigentlich führt das Musical den Film zur Vollendung.

Die Geschichte wird bis in Nuancen gleich erzählt. Das Idol entpuppt sich als busengrapschendes Ekel. Peter verdrängt Wäscher, übernimmt seinen Job – und mutiert selbst zum launischen Wichtigtuer. Mit einer Drehbühne werden die Szenenwechsel flugs bewältigt, die Inszenierung von Alex Balga lässt keine Langeweile aufkommen. Es gibt richtig was zu sehen: Beim Höhepunkt des „Käffchen“-Lieds klappert und pocht das Ballett den Mambo-Takt in bester „Stomp“-Manier mit Tassen und Untertassen. Man trägt Kostüme in kräftigen Farben. Und einmal gibt es gar eine Bühne voller Wäschers.

Achim Hagemann, Kerkelings früherer musikalischer Begleiter, der heute mit seinem eigenen Projekt brilliert, der Popolski-Show, schuf eine kongeniale Partitur. Sie plündert den Fundus der Musical-Geschichte: hier ein paar Elton-John-Akkorde, da eine schräge Kurt-Weill-Harmonie, die schmachtenden Höhen Lloyd-Webbers und dann und wann auch mal bratzige E-Gitarren. Das geht gut ins Ohr und klingt beim ersten Hören vertraut. Und einige Titel können Kerkeling-Fans ohnehin schon mitsingen. So markiert die Lobeshymne aufs deutsche Fernsehen das Finale: „Das ganze Leben ist ein Quiz“.

Liebevoll setzt das Stück auf Lokalkolorit des Ruhrgebiets, dass man sich fast schon wundert, warum die Produktion nicht im Revier läuft. Da tauchen Bergleute aus Bodenklappen auf, da gibt es eine Multikulti-Kinderwagen-Parade, da lässt der Stammtisch die Schalke-Schals wehen. Wenn Omma Schlönzke die Gürkskes aus der Schnittchen-Stube vernascht und Mutti diesen „Raub am Betriebskapital“ beklagt, erlebt man pointensicheres Heimattheater.

Vor allem aber ist „Kein Pardon“ kongenial besetzt. Dirk Bach kann viel mehr, als in rosa Tropenuniform Dschungelkandidaten verhöhnen. Er meistert den hessischen Dialekt von Heinz Schenk (dem Film-Wäscher), er ätzt und wütet, er singt mehr als passabel und bewegt seine Rundungen mit einiger Eleganz. Seine gesungene Wäscher-Lebensbilanz reißt hin.

Noch mehr überrascht Enrico De Pieri, der als Peter wie Kerkeling wirkt, bis in Aussprache und Gesten hinein. Nur dass er noch besser singt. Kein Wunder: Der gebürtige Kieler ist studierter Tenor. Was für ein Moment, wenn Dirk Bach als Schlagerdiva Uschi Blum mit De Pieri „Nimm‘ mich heut Nacht“ schmettert!

Bis in die Nebenrollen überzeugt das Ensemble, seien es Iris Schumacher und Verena Plangger als Mutter und Oma, seien es Roberta Valentini als Peters Freundin Ulla, Claudia Dilay Hauf als mal singende, mal giftig talkende Kaffeemaid oder Julian Button als aufgekratzter „Warm-Upper“.

Die Galapremiere von Kein Pardon im Capitol Theater Düsseldorf ist am Samstag mit prominenten Gästen wie Dolly Buster, Heino, Rainer Calmund und Hape Kerkeling.

Gespielt wird mindestens bis Sommer 2012, täglich außer montags. Tel. 0211/ 73 440

http://www.kein-pardon.de

Quelle: wa.de

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