Das Musical „Into the Woods“ am Theater Oberhausen

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Ein Unglück: Der Bäcker (Tim Al-Windawe) kümmert sich um Hans’ Mutter (Anja Schweitzer, am Boden). Rotkäppchen (Vera Weichel) und die Frau des Bächers (Yvonne Foster, mit Kind) schauen fürsorglich. Im Hintergrund (von links) haben Florinda (Hanna Mall), Lucinda (Catherine Chikosi) und Kammerdiener (Hermann Bedke) Angst vor der Riesin. Szene aus „Into the Woods“ in Oberhausen.

Von Achim Lettmann -  OBERHAUSEN Ihr Weg führt in den Wald. Hans, Rotkäppchen, Aschenputtel, der Bäcker und seine Frau aus „Rapunzel“ lassen ihre engen Bretterbuden hinter sich und treten in einen kahlen Wald, der die Bühne des Theater Oberhausens weit macht. Denn wer Grimms Märchen kennt, weiß, dass im deutschen Wald selten „Ruh“ ist, sondern Überraschungen und Abenteuer lauern.

Dieses Erzählpotenzial haben die US-Dramatiker Steven Sondheim und James Lapine als modernen Weg der Selbstfindung gedeutet und ideenreich verknüpft. 1987 überraschte ihr Musical „Into the Woods“ am Broadway. Und mittlerweile ist der Erfolg dieser Produktion so sinnstiftend geworden, dass Hollywood Ende des Jahres einen Kinofilm mit Meryl Streep und Johnny Depp herausbringt. Goldregen?

Ganz so dick kann das Theater Oberhausen nicht auftreten, aber mit der Folkwang Universität der Künste (Essen) zusammen wird spürbar, was für ein Amüsierbetrieb „Into the Woods“ sein kann. Die Studenten der Musical-Klasse und der Jazz-Klasse machen diese große Produktion erst möglich.

Regisseur Peter Carp lässt im ersten Bild die Alltagssorgen flirren. Aschenputtel hält ihre Zicken-Schwestern auf Distanz, Hans lebt noch bei Mutter und pflegt seine Kuhliebe gar im Wohnzimmer. Rotkäppchen will einfach mal raus zur Oma, und das junge Bäckerpaar bieten Pizza und mehr, aber ein Kind will ihnen nicht gelingen. Das ist launig und lebhaft gespielt. Aus dem Waldspaziergang wird ein kurzer Formationstanz, bevor jeder seine Erfahrungen macht. Choreograf Morgan Nardi hätte mehr Tanzszenen entwerfen dürfen, sie geben dem Stück Rhythmus und Schwung. „Into the Woods“ bleibt dialoglastig.

Nicht alle Darsteller sprühen so wie Vera Weichel als Rotkäppchen mit Cape, das erotisch kokett das Geheimnis mit dem Wolf genießt („bedroht und betreut“). Jan Bastel trägt Pelzkragen und sehr viel Brusthaar, ein echt cooler Aufreißer. Ironisch wird das psychologische Rotkäppchen verballhornt. Wer will nicht mal in den Wald?

Die Kostüme von Sebastian Ellrich unterstreichen die Rollencharaktere und amüsieren mit Details. Die Hexe zählt natürlich zum Figurentableau. Karina Schwarz ist stimmlich hervorragend. Ob HipHop oder großes Solo, sie bannt in jeder Szene. Dem Bäckerspaar gibt sie auf, ihr eine weiße Kuh, einen goldenen Schuh, gelbes Haar und einen roten Mantel zu bringen, sonst wird es nichts mit dem Kinderwunsch. Tim Al-Windawe als Bäcker („Wenn man weiß, wass man will“) muss erst Durchsetzungsstärke entwickeln und am Ende seine Aufgabe als alleinerziehender Vater annehmen. Solche Wendungen sind nicht leicht darzustellen. Al-Windawe tippt die Gefühlszustände an. „Into the Woods“ ist im Rollenprofil anspruchsvoll.

Denn im zweiten Teil wird das Märchenpersonal zu wirklichen Menschen, die moralische Prüfungen durchstehen müssen. Rapunzel (Anna Winter) in Flippflopps kann nach 14 Jahren im Turm keine Kinder hüten. Hans (Richard-Salvador Wolff) gesteht erst nach dem Tod seiner Mutter, dass er einen Freund möchte.

Im Bühnenhintergrund hatte eine Riesin gedröhnt und gedroht. Sie dezimiert die Figuren, ohne dass ein Theatereffekt den Vorgang interessant gemacht hätte. Regisseur Carp hat viel zu tun, um alle Motivlinien im Stück zu halten, alle Erzählideen sichtbar zu machen. Das mutet in Oberhausen manchmal wie eine Kolportage an, ist aber inhaltlich genau gearbeitet. Stephen Sondheim zählt seit den 70er Jahren zu den innovativen Köpfen der Musicalszene, zu denen Andrew Lloyd Webber nicht gehört.

Zauberbohnen spielen eine große Rolle, die Prinzen (Merlin Fargel, Jan Bastel) können charmant, aber nicht treu sein, und mit Jürgen Sarkiss als Erzähler im Fernseh-Zimmer wird der Stoff um weitere Verwandschaftsgrade verdichtet. Puhh! Caroline Forisch muss die Bühne offenhalten für die zahlreichen Auftritte. Ihr Wald bietet nüchterne Nutzholzstämme, kein paradiesisches Grün.

Die Jazzmusiker im Orchestergraben, geleitet von Patricia M. Martin, spielen konturreich, einsatzfreudig und werden der anspruchsvollen Partitur gerecht.

Das Musical

Ein lebhaftes Märchen-Musical, das die Figuren ins wirkliche Leben führt und dabei an Kraft verliert, weil die Regie ein bisschen bieder ist. Konturreiche Musik.

Into the Woods am Theater Oberhausen. 26. 4.; 3., 11., 17., 21., 28. 5.; 6., 13., 22. 6.

Tel. 0208/8578 184

www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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