Das Musical „Evita“ in Kölner Philharmonie

+
Eva Peron spricht zu den Argentiniern. ▪

Von Achim Lettmann ▪ KÖLN–Ein Störenfried rüttelt an der Heiligen. „Es war alles nicht wahr“, sagt Ché in dem Musical „Evita“ und will den Mythos der kleinen Eva Duarte mal testen. Schnoddrig und frech wirkt das, wenn Mark Powell in der „Evita“-Inszenierung durch das akkurat platzierte Bühnenbild in der Kölner Philharmonie läuft. Der Sarg ist aufgebahrt, ein Chor singt und die Trauer wirkt mild und versöhnlich. Aber Ché schlägt ihr posthumes Angebot „Mein Ruhm war Euer“ aus.

Nach über 30 Jahren wird eins der erfolgreichsten Musicals wieder gefeiert. Andrew Lloyd Webbers „Evita“ mit den Liedtexten von Tim Rice. Und wer „Evita“ als Musical (1978) oder Film mit Pop-Queen Madonna (1996) noch nicht gesehen hat, kennt zumindestens den Ohrwurm „Don‘t Cry For Me Argentina“. Immer mal wieder lässt Dirigent David Steadman die Grundmelodie anstimmen. Eva Peron erhält ein stilisiertes Klangbild, das die Handlung durchzieht oder besser: durch-webbert.

In der Produktion von Bill Kenwright, die derzeit auf Deutschland-Tournee ist, schafft nicht nur Ché Distanz zur Titelfigur. Als gedankenleeres Flittchen wird sie ausgestellt, die Männer reihenweise ausnutzt. Anfangs ist sie noch die Dorfschöne, die den Sänger aus Buenos Aires umgarnt. Es wird getanzt, ihr Liebhaber klingt schmalzig, und ein folkloristisches Sittenbild hübscht die Szene auf. Aber Eva (Abigail Jaye) legt das nette Blumenkleid ab, wie sie die Kerle fallen lässt. Endlich in Buenos Aires wird sie in der schnellen Bilderfolge kühl und berechnend skizziert. Ché darf sie verspotten. Als sie Perón kennenlernt, verabreden sich beide, voneinander zu profitieren. Eine Verbindung aus niedrigen Beweggründen: Machtgier und Geltungssucht. Da läuft sogar Ché mit gespielter Empörung davon.

Peróns Geliebte (Abigail Matthews) singt eine Arie als Verstoßene, nachdem sie von Eva ruppig ausquartiert wurde, und erntet Mitgefühl. Aber wie ist diese Eva noch zu retten?

Dramaturgisch wird der Hebel nach der Pause umgelegt. Eva tritt auf den Balkon, blond ist sie nun, im weißen Kleid und mit Brillanten bekränzt. Die Empore wird ans Publikum gefahren und fortan ist sie fürs Volk, also für den Zuschauer da. Sie klingt empfindsam, und sie zeichnet ihre Worte mit roten Lippen – machtbewusst. Ein Höhepunkt. Die Inkarnation als Volksheldin gelingt auf der Bühne. Ihre Absicht, das Leben einfacher Leute zu bessern, wird ihr trotz Skandale, veruntreuter Stiftungsgelder und dubioser Lotteriegewinne für Bedürftige nicht abgesprochen. Da kann ruhig das Militär in Stellung gehen: Offiziere marschieren streng und rücksichtslos; ihre Ehefrauen formieren sich in schicken Sommerkleidern, spitz, arrogant und hochnäsig. Hier hat Eva keine Chance.

Die Inszenierung geizt leider mit Tanzszenen. Das fröhliche Volk bleibt eine Ausnahme im zweiten Teil. „Evita“ wird zum Stationendrama, bei dem verhandelt wird, warum sie in Spanien verehrt, aber in Rom als Dirne beschimpft wurde. Und wie sie auf die Ablehnung in London reagierte. Das Musical wird etwas lang.

Es ist Nachkriegszeit und wo bleibt ihr Neues Argentinien in der Welt? Mit Ché wird Revolutionsrat gehalten („Denn das Böse regiert die Welt“), aber auch er spürt zwischenzeitlich die Schläge der kommenden Machthaber. Die Handlung gerät phasenweise zur Kolportage.

Anziehpuppe, Egomanin, weißer Engel – was war sie? Am Ende sind alle Titel egal. Auch dass Eva-Darstellerin Abigail Jaye mehr Stimme haben dürfte und mehr Ausstrahlung. Letztlich rührt die Ballade „You Must Love Me“, die Eva als Sterbende zeigt, die nur die Liebe ihres Mannes will. Perón, von Mark Heenehan groß und stoffelig gegeben, sinkt in ihren Schoß. Evas Todeskampf wird zur Liebesschnulze gewendet. So sie doch ihren Traum vom glücklichen Argentinien haben. Und Webbers „Evita“ stimmt mit leisen Tönen auf eine Heldenverehrung ein, die von Reue und Verständnis flankiert wird. Ein tragisches, bedrückendes Ende, zu dem sich auch Ché verneigt. „Don‘t Cry For Me Argentina.“

Termine

30. bis 8. August in der Kölner Philharmonie (außer montags).

Tel. 0221 / 2801; und 0221/ 280 280; 0180/51 52 53 0 (14 Cent/Min. aus dem Festnetz).

Ab 4. Januar bis 16. Januar 2011 im Colosseum Theater Essen auf größerer Bühne. Weitere dt. Stationen sind Hamburg, München, Frankfurt, Bremen, Leipzig, Baden-Baden.

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare