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„Der Mann von La Mancha“ in Münster

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Von: Achim Lettmann

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Aldonza (Nana Dzidziguri, von links), Don Quixote (Gregor Dalal), Sancho Panza (Mark Watson Williams) und der Barbier (Enrique Bernardo) in dem Musical „Der Mann von La Mancha“.
Im Gleichschritt: Aldonza (Nana Dzidziguri, von links), Don Quixote (Gregor Dalal), Sancho Panza (Mark Watson Williams) und der Barbier (Enrique Bernardo) in dem Musical „Der Mann von La Mancha“. © Berg

Nach Cervantes‘ Roman überzeugt das Musical „Der Mann von La Mancha“ in der bildstarken Version des Stadttheaters Münster.

Münster – Sancho Panza fällt gleichmal aus der Hängematte und verheddert sich. Don Quixote ist aufgescheucht und rutscht von seinem Holzpferd. Das geruhsame Standbild, was die beiden Antihelden der Literaturgeschichte abgeben, ist im Großen Haus des Stadttheaters Münster gestört. Sie steigen aus dem hohen Vitrinenkasten, den Uta Fink (Bühne) wie ein Terrarium für Exoten eingerichtet hat. Gleichsam erinnert die Ausstattung an ein museales Gehege, in dem unsere Vorbilder Platz finden und eine gewisse Verehrung erfahren dürfen. Darum geht es in Philipp Kochheims Inszenierung des Musicals „Der Mann von La Mancha“ nach Cervantes’ Roman. Don Quixote lebt die unverwüstliche Hoffnung, das Unmögliche zu versuchen, um der Realität eine bessere Wahrheit abzuringen – das wird in Münster mit Hingabe, Humor und herrlichen Bildern zelebriert.

Dirigent Golo Berg stimmt das Premierenpublikum mit dem Sinfonieorchester Münster auf das spanisch gefasste Thema von Mitch Leigh ein. Der Prolog aus dem Orchestergraben eröffnet den Abend mit Spielfreude. Einzelne Instrumente werden vorgestellt und erzählerische Melodien hörbar. Die Kastagnetten klappern.

Regisseur Kochheim konzentriert das Original von 1965, das am Off-Broadway in New York seine weltweite Erfolgsgeschichte startete, auf den Gegensatz des Visionären und des Rationalen in unserer Gesellschaft. Während Don Quixote illusionistischen Zielen und Träumen folgt, wollen ihn Mediziner an ihre Weltsicht binden: Alonso Quijano gilt als verrückter und verarmter Mann.

Die Bühne mit hohen Türen wandelt sich zur psychiatrischen Anstalt, wo mit Zwangsjacke und Komaspritze dunkle Zeiten der Psychotherapie aufscheinen. Auf die Rahmenhandlung des Musicals von Dale Wasserman (Texte: Joe Darion) wird in Münster verzichtet. Cervantes wartet nicht auf die Inquisition in einem Gefängnis, auch verkörpert er seine Romanfigur nicht. Hier ist das Spiel im Spiel schon die Hauptgeschichte: „Der Mann von La Mancha“. Der epische Vorgang der Romanadaption entfällt in Münster zu Gunsten einer unverstellten Erzählhaltung und der Liebe zu den Figuren. Herrlich komödiantisch ist, wenn Don Quixote eine Lanze gegen den Kleiderständer führt und nach der Attacke erschöpft auf einem Canapé nach Luft ringt. Gregor Dalal beweist seine darstellerischen Qualitäten. Ungerührt kniet er vor Aldonza, bittet um die Ehre, für sie zu kämpfen – Dulcinea ist seine Angebetete.

Nana Dzidziguri verkörpert eine stolze wie kraftvolle Frau, die sich den frechen Avancen der männlichen Akteure erweisen muss. Als Putze ist sie Freiwild in der patriarchalen Bürgerwelt. Die Mezzosopranisten besticht durch ihre Bühnenpräsenz und mit dem Lied „Dulcinea“, das als Klassiker in die Musicalgeschichte eingegangen ist. Sie singt es mit zarter Melancholie.

Sancho Panza, Don Quixotes Knappe, wird von Mark Watson Williams als gutmütiger Sidestep der Inszenierung bewegt. Nicht so beleibt wie andere Rollenbesetzungen, aber aufmerksam und bemüht, akzeptiert Williams die irrwitzigen Träumereien mit einem Eingeständnis. Bei „I Really Like Him“ dosiert er seine Tenorlage und klingt gütig und ergeben.

Während Don Quixote und Sancho Panza farbige Kostüme tragen, sind Ärzte und Klinikpersonal in Schwarz gekleidet. Das Farbkonzept sortiert die Figuren und stützt das Gut-und-Böse-Muster. Hier ist alles offensichtlich. Viele Szenen werden augenzwinkernd und ein wenig schrullig vorgetragen.

Freudlos agiert dagegen Antonia, Don Quixotes Nichte. Sie bietet sich als Ehefrau mit Aussicht auf ein Erbe an. Melanie Spitau lässt ihren Sopran hell strahlen, um ihrer Not erkennbar Ausdruck zu verleihen. Dramatische Momente werden von Regisseur Kochheim behutsam überzeichnet, wenn Don Quixote auf eine Trage muss und fixiert wird. Die Bühne wird in schwarzblaues Licht getaucht, als Aldonza im Hintergrund geschlagen und vergewaltigt wird. Sie rutscht auf den Knien ins Licht und trifft auf Don Quixote, der eine Psycho-Tortur überstanden hat. Zeit für Mitgefühl.

Die Inszenierung nimmt das Publikum immer mit, auch wenn Aldonza, Don Quixote, Sancho und der Barbier (Enrique Bernardo) sich unterhaken und singen („Tugend siegt immer“). Es gibt Szenenapplaus für ein Theater, das einmal mehr der Ort für eine bessere Welt ist.

In der Spiegel-Szene beherrscht eine flirrende Bildstörung die Bühne, und Don Quixote fällt während der Schocktherapie zusammen. Jetzt reagiert er auf seinen bürgerlichen Namen Alonso. Lars Hübel lässt als Doktor Carrasco seinen Bass triumphal dröhnen: „Geheilt!“ Aber Aldonza erweckt alsbald den Ritter der traurigen Gestalt, der sich an seine Träume erinnert und „die unerreichbaren Sterne erreichen“ will. Solche Momente werden in Münster zur erzählerischen Offenbarung.

Don Quixotes Lied „The Imposible Dream“ wird zum Finale von allen Akteuren geschmettert. Viel Applaus vom Premierenpublikum.

23., 29. 10.; 5., 14., 27. 11.; 26. 12.; 8. 1.; Tel. 0251/5909 100; www.theater-

muenster.de

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