Das Museum Schnütgen stellt den mittelalterlichen Bildhauer Arnt vor

Man meint, das verstörte Streitgespräch zu hören. So dramatisch zeigt Arnt Beeldesnider die Fußwaschung Petri. Die Szene aus der Predella des Hochaltars der Nicolaikirche zu Kalkar ist im Kölner Museum Schnütgen zu sehen. Fotos: Stiftel

Köln – Man sieht das harte Eichenholz, aus dem Meister Arnt die biblische Szene herausgeschnitten hat. Dreizehn Figuren um einen leergeräumten Tisch. Vorn kniet Jesus vor seinem Jünger Petrus, um ihm die Füße zu waschen. Wie Arnt das erzählt, ist ein Wunder. Petrus wehrt den demütigen Dienst des Heilands mit beiden Händen ab, weicht zurück. Christus hat die Ärmel aufgekrempelt, zeigt sich als einer, der anpackt.

Die Körper sind in höchstem Realismus geschildert, von der Haltung bis zu Details wie den Krampfadern am Unterschenkel Petri. Auch die anderen Jünger sind individuell ausgeführt. Sie stehen nicht einfach rum. Sie diskutieren, ihre Hände und Gesichter zeugen von ihren aufgewühlten Gefühlen. Und Judas versucht am rechten Bildrand, den Beutel mit den Silberlingen zu verbergen.

Zu sehen ist dieses 1491 entstandene Bildwerk im Kölner Museum Schnütgen. Das Haus zeigt die Ausstellung „Arnt der Bildschneider. Meister der beseelten Skulpturen“. Mit rund 60 Arbeiten wird hier das Schaffen eines mittelalterlichen Künstlers vorgestellt, der bis ins 20. Jahrhundert weitgehend unbekannt war. Einige wenige Skulpturen sind dokumentarisch belegt, zum Beispiel der lebensgroße Grabeschristus und das Chorgestühl in Kleve. Kunsthistoriker bemerkten in den 1960er Jahren, dass eine Menge weiterer Werke diesen Arbeiten sehr ähnelten, dem gleichen Künstler zuzuschreiben waren. So kam man darauf, dass dieser Meister Arnt eine überaus produktive und erfolgreiche Werkstatt betrieben hatte, zeitweise in Kalkar, zeitweise in Zwolle. Von dort lieferte er Kunstwerke in den gesamten niederrheinischen Raum, die Gegend, die heute an beiden Seiten der Grenze zu den Niederlanden liegt. Er arbeitete nicht nur in Holz, sondern schuf auch Steinskulpturen und Goldschmiedearbeiten. Von seinem Leben weiß man wenig, nicht mal das Geburtsdatum. Er hat wohl in Brüssel gelernt. Er starb 1491 in Zwolle mitten in der Arbeit an einem Hochaltar, von dem er nur die Figurengruppe der Fußwaschung vollendete.

Eine Quittung hatte er 1460 mit „ic, aernt die beeldesnider“ unterschrieben. Auch dieses Dokument ist ausgestellt. Die Übersetzung „Bilderschneider“ (statt nüchtern Bildschnitzer) soll den berühmten fränkischen Kollegen Tilman Riemenschneider anklingen lassen. Ein bisschen Marketing. Aber von der Strahlkraft und auch Originalität her ist der Vergleich angemessen. In den Niederlanden ist Arnt durchaus bekannt, erzählt Kurator Guido de Werd.

Hierzulande mag die Kölner Schau, die Corona-bedingt erst mit zwei Monaten Verspätung startet, ihm endlich Aufmerksamkeit verschaffen. Leihgaben kamen aus dem Pariser Musée de Cluny, aus dem Amsterdamer Rijksmuseum, vor allem aber aus Kirchen. So trennte sich die Nicolai-Kirche in Kalkar vom fünf Meter breiten Georgsretabel.

Der Mittelschrein gleicht einem Wimmelbild: In vielen Einzelszenen werden Heldentaten und Martyrium des Ritterheiligen Georg dargestellt, vom Kampf gegen den Drachen über das Pfählen und Verstümmeln bis zum Enthaupten. Arnt versetzt das Geschehen vor die Tore der Stadt Kalkar. Und er überwältigt mit erzählerischen Ideen, zum Beispiel dem grobschlächtigen Henker, der breitbeinig mit einem gewaltigen Hammer die Pfähle in den nackten Leib Georgs treibt. Zwischen die Szenen setzt er hier ein Reh, da ein Kaninchen, das im Bau verschwindet, und am oberen Rand zeigt er eine fromme Familie auf Pilgerschaft, der schon Räuber auflauern.

Man sieht dieses Meisterwerk so, wie es einst gedacht war, mit großteils erhaltener farbiger Fassung. Die Fassmaler waren Künstler aus eigenem Recht, die nicht einfach nur das Holz anpinselten, sondern die im besten Fall die Wirkung der Schnitzarbeit steigerten. Sie arbeiteten Glassplitter ein für Glanzeffekte, sie schufen mit dünnflüssig aufgetragener Farbe täuschend echte Hautfarben, sie setzten eigene Akzente bei den Gewändern, wenn sie mit Ritzungen in der Grundierung Feinheiten von Stickerei nachbildeten. Diese Fassungen wurden oft entfernt oder in späteren Jahrhunderten weit weniger subtil übermalt. Auch dafür sieht man in Köln Beispiele. Um so berückender wirken Arbeiten wie die Bischofsbüste aus Kalkar, bei der die originale Fassung den schwermütigen Ausdruck des Mannes lebendig einfängt.

Wie die Jahrhunderte am Werk Arnts zehrten, sieht man an einem Werk im Besitz des Schnütgen-Museums. Das etwa einen Meter breite Relief zeigt die Anbetung der Heiligen Drei Könige. 2019 erwarb das Museum drei Bruchstücke, die das Relief an der rechten Seite verbreitert hatten. Irgendwann hatte jemand den Streifen abgesägt. Auch die Figur des afrikanischen Königs auf der großen Tafel wurde verändert, so dass man nun den Streifen nicht mehr einfach anfügen kann. Immerhin sieht man wieder den Diener, der eins der Geschenke für das Christkind auspackt.

Die Ausstellung zeigt auch die Vielfalt in Arnts Werk. Da ist eine Andachtsfigur wie der lebensgroße, bestürzend realistische Christus im Grab. Da sind Heiligenfiguren wie der strenge Dominius und die liebliche Oda, auf deren rechter Hand eine Elster sitzt.

Die heilige Wilgefortis trägt einen imposanten Vollbart und stemmt ein wuchtiges Kreuz, aber ihre Figur ist unverkennbar weiblich. Der Legende zufolge solle sie einen heidnischen Prinzen heiraten. Um ihre Jungfräulichkeit zu schützen, ließ der ihr den Bart sprießen. Ihr Vater ließ die Widerspenstige kreuzigen. Heute liest man eine solche Darstellung vielleicht als Spiel mit Geschlechterrollen.

Bis 20.9., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0221/ 221 31 355, www. museum-schnuetgen.de

Katalog, Hirmer Verlag, München, 35 Euro

Quelle: wa.de

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