Museum Ostwall zeigt „Körpermaumau“ von Winter/Hörbelt

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Zum Kuscheln zu groß, aber zum Anschauen gewaltig: Die „Bärenarmierung“ (2014) des Künstlerduos Winter/Hörbelt im Museum Ostwall.

Von Marion Gay DORTMUND - Das System kennt man vom Spielplatz: Eine Platte, auf der man wippen und balancieren kann. Hier allerdings ist die Plattform aus massivem Beton, die filigranen Federkerne darunter sind kaum sichtbar. Man erwartet eine stabile Fläche und wird von den Schwingungen überrascht. Die drei Objekte „Plattform Beton“ (2012) gehören zur großartigen Ausstellung „Körpermaumau“ mit rund 20 aktuellen Skulpturen, Plastiken und Installationen des Künstlerduos Wolfgang Winter und Berthold Hörbelt, zu sehen im Oberlichtsaal des Museums Ostwall im Dortmunder U.

Die Schau kreist um die Themen Raum – Körper – Spiel. Das Künstlerduo verwendet vor allem alltägliche und industriell gefertigte Materialien wie Getränkekisten, Faltbänder und Federkerne. So besteht die begehbare Plastik „Kabine Bonnell“ (2012-2014) aus Bonnell-Federkernen. Vier unterschiedlich hohe Kabinen sind aneinandergefügt, jede einzeln betretbar wie Duschkabinen oder Telefonzellen. Innen fühlt man sich wie aus der Welt geschnitten. Die sich überlagernden Maschen verzerren den Blick in den Raum, zusätzlich schwankt der Untergrund unter den Füßen. Es ist schwierig, die Balance und Orientierung zu behalten.

Ebenso irritierend die teppichähnliche Arbeit „Verkehrsinsel“ (2014). Für diese begehbare Plattform verwendeten die beiden Künstler Federkerne und Straßenschilder. Die große, mosaikartige Fläche sieht stabil aus, aber schwankt unter den Füßen. Außerdem löst das Körpergewicht der Besucher an bestimmten, aber zuvor nicht erkennbaren Stellen Klänge aus.

Beeindruckend sind die meisten Arbeiten schon allein wegen ihrer enormen Dimension. Die Plastik „Bärenarmierung“ (2014), ebenfalls bestehend aus Unmengen von Bonnell-Federkernen, ist beinah sechs Meter hoch. Die Konstruktion im Bauch des Kuscheltiers erinnert an einen Fahrstuhl, kann aber nicht betreten werden. Im Gegensatz zur „Kartoffelkiste“ (2011) aus Federkernen, gefüllt mit weißen Bällen. Hier kann man hinein kriechen, sich von der Außenwelt zurückziehen.

Seit 1992 arbeiten die beiden Künstler (geboren 1958 und 1960) unter dem Namen Winter/Hörbelt als Duo zusammen. Sie verstehen ihre Zusammenarbeit als Synergie von Ideen und Kompetenzen auf der Suche nach einem weiterführenden Skulpturenbegriff. Beide absolvierten eine Ausbildung zum Steinbildhauer, beide studierten an der Kunsthochschule Kassel, sie haben Professuren an internationalen Kunsthochschulen und erhielten zahlreiche Preise für ihre Arbeiten. Für die Skulpturenprojekte in Münster 1997 realisierten sie ein begehbares Haus aus Getränkekisten („Kastenhaus“).

Eine ähnliche Arbeit ist in Dortmund zu sehen: Der meterhohe „Röhrenbau“ (2004-2014), ein rundes Objekt aus rund dreihundert roten Getränkekisten. Der untere Teil der Röhre ist gepolstert, sodass man darin wie in einer Hängematte leicht schwingend liegen kann.

Speziell für den Oberlichtsaal angefertigt wurde das überdimensionale „Modell für einen Pavillon/Pendelplattform“ (2014). Wer sich von der großen, glatten Schaukelplattform nicht einschüchtern lässt, kann schwebend neue Raumerfahrungen machen. Genau darum geht es Winter/Hörbelt. Neben der ästhetischen Betrachtung ist ihnen wichtig, dass der Besucher die Kunstwerke spielerisch mit dem Körper erfährt. Dazu zählt auch die Verwandlung des Ausstellungssaals in einen White Cube durch Auslegen von weiß beschichteten Karton auf dem Boden. Der Raum wirkt endlos und surreal, die Kunstwerke verteilen sich darin wie riesige Spielzeuge, der Besucher wird in die Installation mit eingebunden.

Bis 28.9.; di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr;

Tel. 0231/ 5024723; www. museumostwall.dortmund. de

Quelle: wa.de

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