Das Museum Ostwall in Dortmund zeigt die Themenschau „Stadt in Sicht“

Beherzter Sprung: Friedrich Seidenstickers Aufnahme aus Berlin entstand um 1930.

Von Ralf Stiftel -  Dortmund– Mitten im Flug hat Friedrich Seidensticker die elegante junge Frau erwischt, wie sie über die Pfütze springt. Die humorvollen Momentaufnahmen spiegeln wunderbar das Lebensgefühl der 1920er Jahre, als Berlin noch eine moderne Großstadt war. Die Aufnahmen begrüßen den Besucher der Ausstellung „Stadt in Sicht“ im Museum Ostwall im Dortmunder U.

Es ist die große Sonderausstellung in diesem Jahr, und sie war nur zu bewältigen, weil das Museum mit der Deutschen Bank zusammenarbeitet. Die 280 Exponate stammen aus der Kunstsammlung des Geldinstituts, das im Unterschied zu öffentlichen Museen noch aus dem Vollen schöpft. 60 000 Werke besitzt die Bank, verteilt auf 300 Standorte in 40 Ländern. Friedhelm Hütte, Global Head of Art, hat die Schau mit Museumsdirektor Kurt Wettengl kuratiert. Der freut sich über eine Schau, die zum Standort passt: Das U soll ein Experimentierfeld der Künste sein, zugleich ein Akzent im Stadtraum. Die hohen Ansprüche freilich können mit dem von der Stadt zugestandenen Budget nicht eingelöst werden.

Der Besucher darf sich auf bekannte, teuer gehandelte Künstler freuen. Eine Zeichnungsserie von Josef Albers, eine Straßenszene von Otto Dix (1923), Ernst Ludwig Kirchners Gemälde „Chemnitzer Fabriken“ (1926) und Lyonel Feiningers Gemälde „Kirche über Stadt“ spannen den Bogen bis in die klassische Moderne zurück. Die Deutsche Bank sammelt vor allem Papierarbeiten, und so liegt der Schwerpunkt der Schau auf Fotografien. Hier sieht man, was angesagt ist, zum Beispiel Arbeiten von Stars wie Candida Höfer, Andreas Gursky, Thomas Ruff, Thomas Struth und ihren Lehrern Bernd und Hilla Becher, den großen Dokumentaristen, von denen Wohnhäuser aus Siegen gezeigt werden. Von Filmemacher Wim Wenders hängt die viereinhalb Meter breite Panoramaaufnahme einer Ladenfassade aus Butte, Montana (2000), alle Läden sind heruntergelassen, die Stadt erscheint als Leerraum.

Die Schau ist nicht chronologisch gehängt, sondern in acht Themenkapiteln vom „Stadtleben“, das vor allem Menschen porträtiert, über „Orte“ bis zu Ästhetisierungen und Utopien. Dadurch ergibt sich eine große Bandbreite. Beat Streuli zum Beispiel porträtiert Menschen im Stadtraum, löst sie zum Teil aus dem urbanen Kontext. Der elegant gekleidete, afrikanisch-stämmige New Yorker ist trotzdem leicht als Großstadtmensch zu erkennen. Einen harten Kontrast zu solchen Straßenbildern bieten Aufnahmen von Nan Goldin von jugendlichen Aussteigern. Die niederländische Fotografien Fiona Tan zeigt in „Vox Populi Tokyo“ eine Wand voll mit 300 Fotografien von Japanern: Frauen posieren in traditionellen Kostümen, Kinder musizieren, Turner haben sich zu einer Pyramide aufgebaut. Ein faszinierendes Alltagspanorama. Und die iranische Künstlerin Shirin Aliabadi zeigt junge Frauen in Teheran, alle mit Kopftuch, aber heiter, weil sie immerhin im Auto ihre Art von Party feiern.

Was da sonst Chefbüros und Vorstandsetagen schmückt, ist nicht unbedingt Gefälligkeitskunst, Deko-Ware. Man findet gesellschaftskritische Positionen und pointierte Analysen zum Beispiel zum Städtebau. Die Turner-Preisträgerin Rachel Whiteread zum Beispiel ist mit der Serie „Demolished“ (1996) zu sehen, Fotos von Sprengungen und von Schutthalden von Abrisshäusern.

Den urbanen Raum bestimmen auch die Zeichen und Codes, die ihm eingeschrieben werden. Die kanadische Künstlerin Larissa Fassler montiert Plakate, Verkehrszeichen und Warnschilder zum Beispiel vor Taschendieben zu geradezu epischen Schilderungen: „Regent Street Regent’s Park (Dickens thought it looked like a racetrack)“ (2009). Und Simon Patterson deutet einen Streckenplan der Londoner U-Bahn um, indem er die Haltestellen nach Prominenten benennt: Colin Powell, Dick Cheney, Helmut Kohl, aber auch Diego Maradona und Roger Moore. Einer der Visionäre am Ende ist der Designer Richard Buckminster Fuller (1895–1983), von dem unter anderem das Modell einer Unterwassersiedlung gezeigt wird.

Die Schau

Sehenswerte Themenschau darüber, wie die Kunst urbane Räume sieht, kritisiert, entwirft: Stadt in Sicht – Werke aus der Sammlung Deutsche Bank

im Museum Ostwall im Dortmunder U. Bis 4.8., di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0231/ 502 52 36, www. museumostwall.dortmund.de

Katalog 9,90 Euro

Quelle: wa.de

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