Museum für ostasiatische Kunst Köln zeigt japanische Farbholzschnitte

Hosoda Eisuis Büstenporträt einer Kurtisane (ca. 1795) ist in Köln zu sehen. - Fotos: Museum

KÖLN - Die Kurtisane Takigawa beugt sich über das Iris-Blatt, das sie gerade biegt. Auf den ersten Blick wirkt der um 1795 entstandene Farbholzschnitt von Hosoda Eisui harmlos. Freilich wussten die Kunstfreunde jener Zeit, dass die Dame im Haus Ogiya arbeitete, einem Bordell des Vergnügungsviertels Yoshiwara. Und es ist gewiss kein Zufall, dass ihre überaus geschickten Finger hier besonders zur Geltung kommen.

Zu sehen ist das Blatt in der Ausstellung „Das gedruckte Bild“ im Museum für ostasiatische Kunst in Köln. Die Schau ist eine Offenbarung, eine Sensation, obwohl sie im Kern „nur“ einen Bestand der eigenen Sammlung zugänglich macht. Das Museum verfügt über einen einzigartigen Bestand an japanischen Farbholzschnitten, ungefähr 2000 Einzelblätter und Bücher. Vieles davon wurde schon vom Museumsgründer Adolf Fischer (1856–1914) und seiner Frau Frieda (1874–1945) auf ihren Japanreisen erworben. Aber dieser Bestand war nicht erschlossen. Bis vor fünf Jahren Museumsdirektorin Adele Schlombs Matthi Forrer, den international führenden Fachmann für dieses Thema, hinzuzog. Er habe noch keine so große Sammlung in so großer Unordnung gesehen, meinte Forrer. Er hat alles durchgesehen und eine Auswahl von 360 Stücken getroffen, die die ganze Bandbreite des Farbholzschnitts umreißt. Zugleich wird der Schatz, über den das Museum verfügt, endlich in vollem Umfang erkennbar.

Es gibt eigentlich kaum ein Thema, das in Köln nicht mit exquisiten Beispielen zu sehen wäre. Der japanische Farbholzschnitt hatte schon im 19. Jahrhundert in Europa Begeisterung ausgelöst. Die Impressionisten, aber auch Vincent van Gogh, ließen sich von den Kompositionen von Hokusai, Hiroshige, Utamaro und anderen inspirieren. Die Fischers freilich kauften noch direkt bei den Verlegern, die diese Drucke herausbrachten. So kamen absolute Raritäten an den Rhein. 40 Prozent der Exponate gebe es nur hier zu sehen, betont Matthi Forrer. Auch vom Kurtisanen-Porträt von Hosoda Eisui ist nur das Kölner Exemplar bekannt.

Der Farbholzschnitt erlebte seine Blütezeit im 18. und 19. Jahrhundert. Es war eine relativ friedliche Epoche, der Kaiser hatte seine Hauptstadt Edo, das heutige Tokio, zu einer Millionenstadt ausgebaut. Hier bildete sich ein Bürgertum, das zwar relativ wohlhabend war, aber sich nicht politisch betätigen durfte: Händler und Handwerker rangierten sozial unter Samurai und sogar unter Bauern. Also entstand eine Freizeitkultur, mit florierenden Bordellen und Kabuki-Theatern. Und es wurde konsumiert, auch Bücher und Bilder, in einem bis dahin ungekannten Ausmaß. Farbholzschnitte wurden handwerklich produziert, die Werkstätten konnten wegen ihrer schonenden Technik bis zu 12 000 Abzüge von einem Stock fertigen. Es gab Blätter schon für den Gegenwert einer Schale Nudeln, sagt Furrer. Allerdings schlugen Luxusblätter teuer zu Buche, auf denen beispielsweise mit Metallstaub Glitzereffekte erzeugt wurden.

Hierzulande kennt man vor allem die Ukiyoe, die „Bilder der fließenden Welt“. Es sind Darstellungen von Vergnügungen, elegante Damen in den Straßen, auf Festen, in Teehäusern. Der Begriff passt eigentlich nur auf Blätter, die in wenigen Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts entstanden, sagt Furrer. Danach untersagte die Zensurbehörde die Darstellung von Luxus.

In Köln erlebt man die ganze Spannweite an Motiven und Stilen, angefangen mit religiösen Motiven wie der „Geburt des Buddha“, die um 1710 entstanden sind. Herrliche Bildstrecken zeigen das urbane Leben in Edo, die Kurtisanenporträts, die man sich als Mischung aus Katalog und Fanzeitschrift für Erwachsene vorstellen muss. Die Damen genossen hohen sozialen Status, und die Bordellbetreiber sponserten den Druck der Bildnisse. So sieht man ihnen beim Teetrinken und Lesen zu, aber auch beim Einfädeln von Nähgarn in eine Nadel, wie auf dem Blatt von Kitagawa Utamaro II.

Auch die großen Darsteller des Theaters waren populäre Bildmotive. Es gibt Darstellungen des Theaterraums, zum Beispiel von Hokusai (1787), wo man genau das Treiben in Logen und im Parkett verfolgen kann und sogar den Snackverkäufer findet. Vor allem aber sieht man die expressiven Posen bekannter Rollen. Kunisada porträtiert Nakamura Shigan als elegante Dame (1819). Kunichika zeigt auf einem dreiteiligen Querformat vier Bühnenstars nebeneinander (1876). Kuniyoshi porträtiert 1851 den Schauspieler Danjuro als wahnsinnigen Priester.

Aber die Schau bietet noch viel mehr: Da sind herrliche Beispiele der Landschaftskunst, Reiseführer-Motive wie Hokusais Ansichten des Berges Fuji, darunter die „Welle“, und Hiroshiges Ansichten berühmter Orte in Edo. Zahlreiche Bücher werden aufgeschlagen, oft Lehrbücher für Zeichnung und Perspektive oder illustrierte Romane, und es ist schon ein besonderes Vergnügen, die „Männer in komischen Posen“ aus Kyosais „Album von Malerei“ zu studieren. Porträtiert werden auch berühmte Sumo-Ringer: Koryusai zeigt in extremem Hochformat Kumoemon, einen 2,06 Meter großer Sportler, der eine junge Kurtisane an einem Finger hochzieht. Andere Bilder bieten gepflegten Horror, Hokusai zum Beispiel zeichnet eine Laterne, die in der Hand des Gatten entflammt und die Gesichtszüge seiner ermordeten Frau annimmt, deren Grab er mit der neuen Geliebten besucht. Wunderbare Tier- und Pflanzendarstellungen sind zu sehen, Schmetterlinge, Kröten, Vögel, und eine einzelne, ungemein lebendig wirkende Brasse.

Bis 1.7., di – so 11 – 17 Uhr,

Tel. 0221/ 221 28 617, www.mok-koeln.com,

Katalog (engl.), Verlag der Buchhandlung Walther König, 39,80 Euro, Begleitheft 7,50 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare