Museum für Lackkunst in Münster präsentiert den Barockmeister Gérard Dagly

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Täuschend japanische Anmutung, fabriziert in Berlin: Gérard Daglys Kabinett mit Untergestell (1695–1700) ist in Münster zu sehen.

Von Ralf Stiftel MÜNSTER - Das Kabinett umweht der Zauber des Fernen Ostens. Fein nuanciert scheint die mit Goldstaub gezeichnete japanische Landschaft, all die von dekorativen Kiefern gezierten Felsen, die sich harmonisch einfügenden Häuser, der „Mondschauturm“. Bestens ausbalanciert auch das Verhältnis zur Schwärze, die das Gold erst richtig glänzen lässt.

Kein Wunder, dass Liselotte von der Pfalz am Hofe des Berliner Kurfürsten Friedrich III. vermutete, er habe womöglich einen „indianer“, der ihm „so schöne cabinetten“ mache. Dabei hatte Friedrich, der sich später selbst zum ersten preußischen König krönte, keinen Indianer, womit damals Asiaten gemeint waren. Aber er hatte Gérard Dagly (1660–1715). Dieser Spross einer Familie von Vernisseurs, von Lackmeistern, aus dem Badeort Spa hatte sich Techniken und Motive der Originale aus Japan und China so angeeignet, dass sie täuschend ähnlich waren.

Das Lackmuseum in Münster würdigt den Künstler nun mit der Studioausstellung „Gérard Dagly und die Berliner Hofwerkstatt“. Mit rund 40 Objekten wird ein Künstler vorgestellt, dessen Formsprache und Technik in seiner Epoche unerreicht waren. Leihgaben kommen dabei nicht nur aus den Preußischen Schlössern Berlin-Brandenburg. Auch das schwedische Königshaus trennte sich vorübergehend von einem prachtvollen Kabinett. So sind in der Schau alle erhaltenen Kabinettschränke versammelt, die sich sicher der Berliner Hofwerkstatt unter Dagly zuordnen lassen.

Friedrichs Vater, der Kurfürst Friedrich Wilhelm, hatte Dagly vermutlich bei der Kur in dessen Heimatort Spa kennengelernt. Vielleicht hat er sich auch um eine Anstellung beworben mit einem besonders aufwendigen Probestück. Jedenfalls erhielt Dagly 1697 eine Anstellung als „Intendant der Ornamenten“ am preußischen Hof mit einem hohen Gehalt und weiteren Privilegien. Unter anderem ließ er sich Patentschutz und ein Monopol für seine Lackarbeiten ausstellen. Nachahmer und ausgeschiedene Mitarbeiter seiner Werkstatt in Brandenburg mussten empfindliche Strafen fürchten.

Dagly hatte die Formsprache besonders der japanischen Lackarbeiten vermutlich in Amsterdam kennen gelernt, das damals der Hauptumschlagplatz für Importe aus Fernost war. Wie präzise der Vernisseur die Dekore nachempfand, das sieht man in der Ausstellung an Vergleichsstücken aus Frankreich und England. Dort stellte man japanische Originale auf europäische Untergestelle, um sie öffnen und benutzen zu können. Der Kontrast zwischen den Lackkabinetten und den vergoldeten Gestellen ist offensichtlich. Die französischen Untergestelle haben Gesichter oben an den Beinen, darunter ringeln sich Schlangen, und unten sieht man Hufe. Das englische Exemplar ist mit Frauenbüsten verziert, die an Galionsfiguren erinnern.

Dagly hingegen griff auch für die Unterbauten auf asiatische Formen zurück. Originale kannte er nicht, aber er hatte Tische gesehen, aus denen er nun Gestelle ableitete, die zum aufgesetzten Kabinett passten. Seine Möbel sahen so originaler aus als die hybriden Kombinationen mit den Importen. Und der große Münz- und Medaillenschrank, der heute im Kunstgewerbemuseum Berlin-Köpenick steht, zeigt, dass er auch genuin europäische Formen und eine asiatische Anmutung vereinen konnte.

Der Künstler hatte nicht nur rund 20 Schlösser und Lusthäuser mit asiatisch wirkenden Möbeln auszustatten. Er war auch für weitere Arbeiten zuständig wie Vergoldungen und Vertäfelungen. In Münster sieht man auch Beispiele weiterer Arbeitsfelder, zum Beispiel schuf er Spiegel und Beistelltische, bei denen er mit weißer Lackierung die Illusion erweckte, in ihnen seien Porzellanelemente eingesetzt. Und auch Nippes wie Wackelpagoden schuf er, sitzende Buddha-Figuren, deren Kopf sich bewegte.

Bis 26.7., di 12 – 20, mi – so 12 – 18 Uhr, Tel. 0251/ 418 510, www.museum-fuer-lackkunst.de

Katalog, Hirmer Verlag, München, 35 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro

Quelle: wa.de

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