Das Museum Küppersmühle würdigt Emil Schumacher in einer Retrospektive

Geisterhafter Anblick: Emil Schumachers Gemälde „Bing“ (1966) ist im Duisburger Museum Küppersmühle zu sehen. - © VG Bild-Kunst Bonn/ Foto: Ralf Cohen

DUISBURG - Wie ein Gespenstergesicht blickt das Gemälde „Bing“ den Betrachter an. Schwarze Löcher klaffen im strahlenden Gelb. Man ahnt beim Betrachten noch die Gewalt, mit der Emil Schumacher 1966 dieses Werk geschaffen hat. Hier war nicht nur der Maler mit Pinsel und Farbe am Werk. Der Hagener Künstler arbeitete auf einem Türblatt. Mit einem Hammer schlug er darauf ein, so dass die Füllung frei wurde. Die Schönheit dieser Tafel verdankt sich der Aggression. Schumacher zeigt mit einem komplett abstrakten Bild die Verletzlichkeit der Welt.

Zu sehen ist „Bing“ im Museum Küppersmühle in Duisburg. Das Haus zeigt die erste Retrospektive des Hagener Malers seit 20 Jahren. Es ist, betont Direktor Walter Smerling, die bislang umfangreichste Schau in Nordrhein-Westfalen – abgesehen vom Emil Schumacher Museum in der Heimatstadt des Künstlers, mit dem die Küppersmühle kooperiert.

In Duisburg können sich die Großformate entfalten, zum Beispiel die fast vier Meter breite Leinwand, die Schumacher 1964 für die documenta in Kassel schuf, eine Art kohlenschwarzes Relief, so wuchtig hat er die Farbe aufgetragen, und in der Tiefe schimmert ein strahlendes Blau durch. Drei Tafeln hatte Schumacher damals gemalt. Neben der ausgestellten noch eine, die heute im Landesmuseum in Münster hängt. Sie konnte aus konservatorischen Gründen nicht entliehen werden. Mit der dritten Tafel war der Künstler unzufrieden. Er überarbeitete sie – und fand, er habe sie vollends ruiniert, so dass er sie zerstörte. Auf dem Keilrahmen schuf er 1991 ein neues, monumentales Bild, „Palmarum“, in seinem intensiven Gelb. In die Farbe legte er Zweige und Blätter ein, Ausdruck eines neuen Naturgefühls. Dieses Gemälde ist nun neben dem documenta-Bild zu sehen, schon das ein hinreißendes Ensemble.

Rund 80 Bilder umreißen alle Schaffensphasen Schumachers von 1950 bis ins Todesjahr 1999. Man sieht das noch vom Expressionismus beeinflusste gegenständliche Frühwerk wie den „Küchenherd“ und das so lyrische „Strandbild“ (beide 1950). Man sieht, wie schnell und wie souverän sich der Künstler die Bildsprache der Abstraktion aneignet. Man verfolgt mit Spannung die Wandlungen, die Schumacher im Lauf der fast fünf Jahrzehnte durchlief, bis zum Spätwerk, in dem er zu einer neuen Gegenständlichkeit fand. Ein famoses Hauptwerk wie „Falacca“ (1989) zeigt in archaischer Bildsprache ein Pferd, fast wie in einer Höhlenmalerei. Zugleich bleibt die Linienführung unbestimmt genug, dass das Bild auch ganz anders lesbar ist, als Landschaft zum Beispiel.

Schumacher (1912–1999) gehört zu jener Künstlergeneration, die durch die NS-Diktatur wesentliche Jahre verlor. Unmittelbar nach dem Krieg wagte er den Neuanfang als freier Künstler. Mit Kollegen gründete er 1947 in Recklinghausen die Gruppe junger westen. Er hatte schnell Erfolg, 1954 wurden Bilder von ihm im Stedelijk Museum Amsterdam gezeigt, ein Jahr später in Paris, es folgten die Biennale in Venedig und New York.

Die Kuratorin Eva Müller-Remmert sieht in der physischen Präsenz das Besondere an Schumachers Werk. Er war viel mehr als nur der Maler, der Ölfarbe auf die Leinwand brachte. In Duisburg ist wunderbar zu verfolgen, wie Schumacher die Grenzen der Kunst erweiterte. Seine Bilder wurden mehr und mehr zu Objekten, die nicht etwas abbildeten, sondern ihre eigenwertige Gegenwart im Raum behaupten. Schon in frühen Werken verlieh der Künstler seinen Arbeiten eine haptische Qualität, raute die Farbe auf, indem er Sand beimischte, trug die Ölfarbe dick auf und ritzte mit dem Pinselstiel hinein. Die Hand des Künstlers ist in diesen Werken stets gegenwärtig. Vor diesen Bildern muss man stehen, und wenn es erlaubt wäre, müsste man sie abtasten, um sie richtig zu verstehen. Der Ausstellungsuntertitel „Inspiration und Widerstand“ stammt aus einem Zitat des Künstlers, der damit die Dialektik im Umgang mit dem Material beschreibt.

1969 schuf Schumacher Bilder, die von einem schwarzen Bogen bestimmt sind, den man als Hütte, aber auch als Berg auffassen kann. Er malte sie auf Papier, das er später auf Leinwand montierte. Nun hat man mindestens zwei Bildschichten: oben die Farbe, darunter das Papier, das er Falten schlagen ließ, das er einriss, so dass der ursprüngliche Bildträger als weiteres Ausdrucksmittel dem Werk buchstäblich eine zusätzliche Ausdrucksschicht verleiht.

Lange wurde Schumacher dem Informel zugerechnet, der abstrakten Leitkunst im Europa der 1950er Jahre. Das Informel galt als Kunst der Freiheit, durch Ideologie nicht korrumpierbar. Wenn man sieht, wie er sich immer neue Freiheiten in seinen Bildern nahm, wie er in den „Petros“-Bildern Steine in die Holztafeln integrierte, wie er filigrane Gewebe als „Tastobjekte“ deklarierte, wie er den Pigmenten in seinen so unordentlichen, „schmutzigen“ (und damit dem Ruhrgebiet sehr verhafteten) Bildern höchste Leuchtkraft abrang, versteht man Smerling, der Schumacher als aktuell ansieht „in Zeiten fortschreitender Korrosion der Demokratie“. Die Freiheit des Ausdrucks lässt sich nicht auf Leinwände beschränken, sie ist absolut.

Bis 10.3.2019, mi 14 – 18, do – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0203 / 301 948 11, www. museum-kueppersmuehle.de,

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 25 Euro

Quelle: wa.de

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