Das Museum Küppersmühle in Duisburg zeigt Malerei von Fred Thieler

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Die Farbe floss direkt auf die Leinwand bei Fred Thielers „Wannseebild II“ (1962), zu sehen in Duisburg.

Von Ralf Stiftel DUISBURG - Drei Meter fünfzig hoch Farbe. Kleckse. Fette Streifen aus der Tube auf die Leinwand. Zerdrückte Batzen. Das überwältigt den Besucher. Eine Explosion für die Augen. Schwarz, Weiß, Rot wirbeln durch- und übereinander. Es ist zu groß, um es mit einem Blick zu erfassen. Und so folgt das Auge den Schritten, mit denen der Maler Fred Thieler „Wannsee II“ 1962 schuf. Er lief um und über die auf dem Boden liegende Leinwand, ließ die Farben direkt darauf laufen, aus der Tube, aus einem Eimer, mit Pinselspritzern.

Nun hängt das Werk im Museum Küppersmühle in Duisburg, als Teil eines monumentalen Tetraptychons. In der Ausstellung „Fred Thieler – Malerei“ sind erstmals alle erhaltenen Leinwände zu sehen. Der Künstler hatte sie als Auftragswerk für die Gestaltung des Kurhauses am Wannsee geschaffen. Eine Arbeit gilt als verschollen, fünf hängen hier, das rotgestimmte „Wannsee II“, zwei filigraner in Blautönen gehaltene „Wannseebilder“, ein „Epitaph für Franz Kline“ und eine querformatige „Erzählung für W. Turner“, ebenfalls in Blau. Die monumentalen Tafeln wurden zerstreut, nun sind sie wieder im Zusammenhang zu erleben. Ein Genuss. Eine Leistung.

Thieler (1916–1999) vertritt geradezu archetypisch das deutsche Informel. Der Ostpreuße (in Königsberg geboren) musste 1937 sein Medizinstudium abbrechen, weil seine Mutter Jüdin war. Er zog nach München um, orientierte sich neu, hin zur Kunst. 1943 ging er in den Untergrund. Nach dem Krieg studierte er Malerei. Von 1951 bis 1953 lebte er in Paris. Zugleich schloss er sich der Gruppe ZEN 49 an. In der Ausstellung bekommt man einen Überblick über den ganzen Thieler, angefangen von frühen, noch gegenständlichen Arbeiten, wie dem „Porträt meiner Mutter“ (1947), das noch sichtlich vom Expressionismus geprägt ist. Das jüngste Bild der Schau, ohne Titel, entstand 1998, ein Jahr vor Thielers Tod. 1986 hatte der Künstler einen Schlaganfall erlitten. Er musste sich die Malerei wieder erkämpfen, blieb aber mit Hilfe seiner Assistenten produktiv, noch als er an den Rollstuhl gefesselt war.

Rund 100 Arbeiten sind ausgestellt, neben den großen Gemälden auch Grafik und Zeichnungen. Schon früh schuf Thieler abstrakte Kompositionen, die anfangs noch organische und geometrische Elemente verbinden, manchmal auch Anklänge von Kalligraphie aufweisen. Doch bereits diese Bilder aus den frühen 1950er Jahren sind durch eine große Dynamik gekennzeichnet. Man hat den Eindruck von Bewegung. Das Bild „Konstruktionsrhythmus oder A/53“ (1953) sieht bereits wie eine Explosion aus. Von einem Punkt relativ weit oben aus scheinen dunkle Fragmente in alle Richtungen wegzufliegen. Typisch bereits hier Thielers Vorliebe für eine sehr reduzierte Palette: Er nutzt Blau, Rot, Schwarz und Weiß. Eine Serie eher kleiner Arbeiten aus dem Jahr 1958 setzt offenbar den Rakel ein. Die Tafeln, über die sich Farbschlieren ziehen und die eine seltsam kristallin wirkende, verschlossene Oberfläche aufweisen, scheinen spätere Werk von Gerhard Richter vorwegzunehmen.

Thieler experimentiert mit Techniken, seine Formate wachsen. Bei den späteren Schüttbildern ist der Einfluss von Jackson Pollock unverkennbar. Es gibt Collagen und Decollagen, Leinwände, die auf andere Leinwände aufgebracht wurden, so dass ein Bild-im-Bild-Effekt entsteht, gewaltige Farbwolken und eigenwillig tiefgründige Farbräume. Solchen Bildern eignet manchmal ein Hang zum Transzendenten. Man verliert sich in ihnen wie in Meditationsvorlagen. Und das dreieinhalb Meter hohe, knallrote „To whom it may concern“ (1965/87) weist mit seinen Falt- und Knitterspuren sogar eine Kreuzstruktur auf. 1964/65 hatte Thieler den Innenraum der Heilig-Kreuz-Kirche in Emmerich mit 14 Kreuzweg-Stationen ausgeschmückt.

Obwohl Thieler weltweit ausstellte, zweimal zur documenta eingeladen wurde, repräsentative Aufträge erhielt, war er nicht so berühmt wie manche Kollegen. Vielleicht, weil sich seine gestische Abstraktion nicht thematisch erschließen ließ. Vielleicht, weil seine Monumentalität den Betrachter fordert. Die Duisburger Schau zeigt, dass die Begegnung mit dieser Malerei lohnt.

Fred Thieler – Malerei im Museum Küppersmühle, Duisburg.

Bis 2.2.2014, mi 14 – 18, do – so 11 – 18 Uhr.

Tel. 0203 / 301 948 10, www. museum-kueppersmuehle.de, Katalog, Wienand Verlag, Köln, 25 Euro

Quelle: wa.de

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