Zwischen den Himmeln schwebend

Museum in Dänemark widmet sich dem ausladenden Werk J.F. Willumsens

„Badende Kinder am Strand“ (1909) von Jen Ferdinand Willumsen
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Herrlich leicht, energievoll und anmutig wirkt das Gemälde „Badende Kinder am Strand“ (1909) von Jen Ferdinand Willumsen, zu sehen im Willumsen-Museum im dänischen Frederikssund. Es ist eins der bekanntesten Bilder des Künstlers.

Eine Ausstellung im dänischen Frederikssund zeigt das Werk des Malers Jens Ferdinand Willumsen.

Frederikssund – Alles bewegt sich in dieser Momentaufnahme aus Paris, die Jens Ferdinand Willumsen 1890 mit dem Pinsel eingefangen hat. Er nennt das Gemälde „Leben an den Ufermauern von Paris“. Im Hintergrund erkennt man die Kathedrale Notre Dame. Davor bewegen sich Menschen, Pferde und Kutschen. Es ist eine Großstadtszene, die durch dunkel konturierte Figuren beschleunigt wird. Die Farben sind flächig aufgetragen. Der Künstler fühlt sich wohl in der quirligen Metropole, in der die Uhren so anders ticken als in Kopenhagen, seiner Heimatstadt. Mit Ehefrau Juliette entdeckt er die französische Lebensart.

Die Dauerausstellung im J.F. Willumsen-Museum ist dem Leben des vielseitigen Künstlers gewidmet. Das Haus liegt im dänischen Frederikssund am Roskilde-Fjord westlich von Kopenhagen. Die verschiedenen Schaffensphasen Willumsens werden mit seinen prominentesten Exponaten allenfalls angedeutet, so ausladend ist das Gesamtwerk. Die Schau wirkt, wie das Leben des Künstlers gewesen ist: wechselvoll und turbulent.

Ausstellung in Frederikssund zeigt das Werk von Jens Ferdinand Willumsen

Museumsdirektorin Lisbeth Lund geht chronologisch vor, aber bricht gelegentlich mit der so geweckten Erwartung, um den Besucher zu überraschen. Schon nach wenigen Schritten vorbei an Werken früherer Schaffensperioden sieht man sich mit einem späten Selbstbild Willumsens konfrontiert, aus dem er einen traurig entgegenblickt („Selbstporträt im Malerkittel“, 1933).

Seine gute Zeit in Paris bedrohte der Schwiegervater. Er entzog die finanzielle Unterstützung, weil ihm das Paar „wenig produktiv“ erschien. Willumsen (1863–1958) musste letztlich ins karge Norwegen ausweichen, wo er sich widerwillig auf Wanderschaft begab. Es ist der Ausgangspunkt einer rastlosen Odyssee, die sich im Museum nachvollziehen lässt. Hier widmet man sich dem oft als trotzig beschriebenen Künstler, der von sich sehr überzeugt war und als leicht kränkbar galt. Dennoch zählte er in Dänemark zu den bedeutendsten Kreativen des 19./20. Jahrhunderts. In Deutschland ist er relativ unbekannt geblieben trotz seiner Freundschaft zu Paul Gaugin und Edvard Munch.

Flair der französischen Großstadt: J. F. Willumsens „Leben an den Ufermauern von Paris“ (1890).

Die Familie hoffte, dass Willumsen in Norwegen gut verkäufliche Kunst schaffen würde. Er ließ sich auf das Land ein. Je weiter er wanderte, desto klarer traten zwei Themen hervor, die ihn fortan begleiten sollten: Die Erfahrung von Größe in unberührter Landschaft und die Frage, was es eigentlich bedeutet, Mensch zu sein.

Fast schon kitschig mutet das Bild „Jotunheim“ (1892/93) an: die Erhabenheit von Bergen und Fjordlandschaft wächst über den Bilderrahmen hinaus. Letzteren hatte Willumsen – wie so oft – selbst gebaut und mit Figuren dekoriert, die auf die dargestellte Bildwelt reagieren.

Jens Ferdinand Willumsen: ein Rastloser, ein Getriebener

Willumsen ist ein Rastloser, ein Getriebener – dreimal hatte er vergeblich versucht, an der Königlich Dänischen Kunstakademie Kopenhagen seinen Abschluss zu machen. Die offizielle Anerkennung blieb aber aus, einen späteren Lehrauftrag lehnte er ab. Fortan vertiefte er sich in künstlerische Disziplinen und ließ sie meist fallen, wenn er sich daran abgearbeitet hatte. Es waren radikale Schnitte.

Um die Jahrhundertwende produzierte Willumsen Keramiken. Als Art-Direktor der dänischen Porzellanmanufaktur Bing & Grøndahl experimentierte er mit neuen Formen und Lasuren. Seit 1896 waren Feuerbestattungen erlaubt. Für die Asche waren Urnen vorgesehen. Und Willumsen verlieh den neuartigen Behältnissen ein einmaliges Design. Das Museum zeigt eine Urne von 1897, die mit farbigen Mohnblüten, Kapseln und Knopsen verziert ist – ein Sinnbild für den ewigen Schlaf. Als der Künstler mit seinen Keramiken auf der Weltausstellung einen Preis gewann, war das Kapitel Keramik für ihn abgeschlossen.

Jens Ferdinand Willumsen: Selbstporträt des Künstlers im Malerkittel (1933).

Gebrauchsgrafiken wurden sein neues Sujet. Im Jahr 1900 gewinnt Willumsens mit seinem Plakatentwurf einen Wettbewerb für Tuborg Beer. Letztlich gibt die Brauerei aber dem bis heute bekannten Motiv „Der durstige Mann“ von Erik Henningsen den Vorzug. Auch sein Entwurf für den Sarkophag des dänischen Königspaares Christian IX. und Louise gewinnt eine Ausschreibung, umgesetzt wird aber eine andere Idee.

Von 1916 an bis zu seinem Tod lebt Willumsen in Frankreich – in Villefranche sur Mer, Nizza, Paris, Cannes und Le Cannet. Willumsen wollte vieles sein: Fotograf, Architekt, Bildhauer, Lithograf, Grafiker, Sammler. Seine Alltagsbeobachtungen waren genau, in seinen Gemälden karikiert er manches Mal, was er beobachtete. So etwa, wenn er eine Frau malte, die mit einer Katze spielte und ihrem Liebling dabei gar nicht mal unähnlich schien („Frau die mit einer schwarzen Katze spielt“, 1945).

Einige seiner Talente vereinte Willumsen in einem seiner bekanntesten Werke, „Die badenden Kinder“ (1909). Das großformatige Gemälde ist in zehn Jahren entstanden. Willumsen hatte Szenen mit Kindern gemalt und in einer Strandlandschaft harmonisch zusammengefügt. Mit kurzen Pinselstrichen und dick aufgetragener Farbe sind spielende Mädchen und Jungen aus Italien am Meer der Bretagne zu sehen, wo der Künstler das Licht Skandinaviens scheinen lässt. Willumsen entdeckte die Kinder an der Amalfi-Küste und fotografiert sie. Ihre Vitalität war die Basis für sein Gemälde.

Sonderausstellung

Parallel zur Dauerausstellung über Leben und Werk J.F. Willumsen ist in Frederikssund eine Sonderausstellung mit späten Arbeiten von Willumsen und Ernst Ludwig Kirchner zu sehen. Staging Nature and Life (Inszenierung von Natur und Leben) ist bis 31.1.2021 zu sehen. Die Schau spürt zwei Künstlern nach, die jeder für sich ihre Positionen unabhängig von den Kunstströmungen ihrer Zeit entwickelten. Di-So 10 – 17 Uhr, erster Mi. im Monat 10 – 20 Uhr; Tel. 0045 47 3107 73. www. jfwillumsensmuseum.dk, Adresse: Jenriksvej 4, DK-3600 Frederikssund

Neben seiner vielschichtigen Künstlerschaft war Willumsen auch noch ein rühriger Kunstsammler. Für diese Sammlung und seine eigenen 6000 Exponate suchte Willumsen einen Ausstellungsort, ein Archiv. Aber weder der dänische Staat noch die Stadt Kopenhagen wollten den Bestand übernehmen. Schließlich erklärte sich Frederikssund bereit, ein Museum zu errichten. Willumsen reichte mehrere Architektur-Entwürfe ein, die nicht umgesetzt wurden – die Ausmaße waren zu gigantisch.

Willumsen blieb sich bis zuletzt treu: Seine Energie, sein Tatendrang und vielleicht seine Selbstüberschätzung illustriert der Däne selbst in seiner Titian-Gemäldetrilogie (1935–1938). Das dritte Bild zeigt seinen Kopf und Oberkörper auf dem Körper eines Tigers. Es ist ein unsterbliches Wesen, zwischen den Himmeln schwebend.

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