Museum Folkwang zeigt Fotografie: „Der Mensch und seine Objekte“.

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Franz Lazi fotografierte „Studie mit Mercedes und Dame mit weißem Hut, 1958“, zu sehen im Museum Folkwang in Essen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Struppig sieht Sir John aus, als ihn Julia Margaret Cameron 1867 fotografierte. Die Attribute des Adeligen werden von seinem Blick geradezu absorbiert. Die Fotografin spürt seinem Wesen nach und schaut in sein Inneres.

Im Essener Museum Folkwang wird zum Thema Menschenbild aber nicht nur aufs Porträtieren geachtet. Die Ausstellung „Der Mensch und seine Objekte“ macht einen Schritt weiter und zeigt, wie sehr das Porträt im Laufe der Zeit mit der Darstellung der Dinge verbunden ist. Der Filmtheoretiker Siegfried Kracauer (1889-1966) sagte, dass die Fotografie unsere „Situation“ in einem technologischen Zeitalter anpasse. So lässt sich in der Fotografie des 19. Jahrhunderts der Mensch noch wie eine Entdeckung erleben, aber später nähert sich das Porträt dann der Ding- und Produktionswelt an. Annelise Kretschmers Foto vom „Mädchenkopf“ 1931 zeigt einen Ausschnitt und flankiert die klaren Gesichtszüge mit textilen Strukturen (Mantel und Hintergrund). Der Fotoapparat sortiert den Menschen in die Zweidimensionalität des Bildes ein. Und die Objektfotografie dokumentierte in den 20/30er Jahren eine fortschrittliche Welt. Fotografinnen wie Germaine Krull, Ilse Bing und Aenne Biermann stehen dafür, ebenso Walter Peterhans, René Zuber und Wolfgang Weber.

Es ist ein Vergnügen, durch die chronologisch gehängte Schau zu gehen. 280 Werke und Serien von 163 Künstlern sind ausgestellt. Die Bilder stammen aus der Fotografischen Sammlung des Museum Folkwang, die seit 1978 von Ute Eskildsen aufgebaut wird. Die Leiterin der Sammlung kuratiert ihre letzte große Schau.

So ist „Der Mensch und seine Objekte“ auch ein Querschnitt der Sammlung, die in den letzten 34 Jahren auf 55 000 Bilder erweitert wurde. Otto Steinert, Fotograf und Lehrer an der Folkwang Schule, hatte einen Bestand von 3500 historischen Aufnahmen mit Geldern der Stadt Essen angekauft, um für die Studierenden Anschauungsmaterial zu haben. Dies war der Grundstock der Foto-Sammlung, die fortan ihren Schwerpunkt auf zeitgenössische Bilder legte.

Die Ausstellung folgt einem Lichtimpuls. Das dunkelste Grau findet sich in den historischen Kalotypien von Hill & Adamson um 1845. Das hellste Weiß in den Objektfotos von Junghans (2000) und Madejska (2009). Dazwischen sind Fotostrecken gehängt, die Zeitabschnitte definieren. Zum Beispiel zeichnen sich die 50/60er Jahre durch einen immensen Fotobedarf aus. Illustrierten, Zeitschriften und die Werbung forderten Aufnahmen. Und Franz Lazi, Industrie- und Werbefotograf, rückte Mensch und Produkt zusammen, um im Sinne des Auftraggebers zu zeigen, dass der Mercedes und die Dame mit dem Hütchen zusammengehören. Eine Symbiose von Porträt und Objekt, die vor allem in den 60er Jahren nachweisbar ist – purer Zeitgeist.

Eine Rarität ist Robert Franks letzte Serie, bevor er zum Film ging. Nach seinem epochalen Blick auf „The Americans“ fotografierte er 1958 „Aus dem Bus“ in New York. Menschen sind nur ein Teil der Stadt, nur ein Moment im Bewegungsstrom der Metropole. Sie bleiben fremd, kurios und seltsam.

Jedes Bild wirkt wie eine Entdeckung. Beispielsweise Otto Steinerts „Bildnis Edith“ (1950), das eine junge Frau mit offenen Pupillen zeigt, weil sie der Fotograf in der Dunkelkammer ablichtete. Ein bisschen Experiment sind auch Heinrich Riebesehls „Menschen im Fahrstuhl“ (1969). Sie fühlen sich wie Transportgut, bleiben irgendwie allein und wenden sich vom Fotografen ab.

Die Objektfotografie macht die Welt einprägsamer, weil sie Dinge des Alltags heraushebt und bewusst macht. Außerdem entwickelt sich ein Sog der Objekte. Edward Weston sagte bereits 1925, als er eine Toilette fotografierte, dass dies nur eine „rein ästhetische Reaktion auf die Form“ sei. Alltagsgegenstände machen an. Und erhalten vom Fotografen eine visuelle Identitätsbeschreibung, wie Harald Boockmanns Metalllampe (1951–54). Sie scheint aus einer anderen Welt zu kommen. Kühl, erhaben, unabhängig.

Die Porträtfotografie verweigert sich dagegen in den 80/90 Jahren der Identifikation. Thomas Ruff zeigt „Siegfried Michael Syninga“ (C-Print, 1986), ohne ein Gesichtsmerkmal zu favorisieren. Thomas Struths „Familie Ghez“ (Chicago, 1990) wirkt blutleer. Sie sind traditionell gestellt, aber ohne Gefühl fürs Gruppenbild. Dagegen reduziert der Objektfotograf Claus Goedike ein Putzmittel auf die farbige Form seines Behältnisses und gibt dem „Meister Propper, I 57a“ (C-Print, 1992) seine Konturen in der Bildwelt zurück. Die Produkte erhalten im digitalen Foto eine eigenständige Strahlkraft und Glätte. Der digitale Pixeldruck von Katja Stuke zeigt eine chinesische Turnerin (2008), die fototechnisch reduziert wird und austauschbar scheint. Die Fotografie heute spiegelt den Wert des Menschen in der globalen Welt.

Die Schau

Wie sich Mensch und Objekt in der Fotografie annähern. Eine visuelle Geschichte des Bewusstseins. Großartig!

Der Mensch und seine Objekte im Museum Folkwang Essen. Bis 29. April; di-so 10 bis 18 Uhr, fr bis 22.30 Uhr; Katalog bei Steidl 28 Euro

Tel. 0201 / 8845 200 http://www.museum-folkwang.de

Quelle: wa.de

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