Museum Folkwang stellt Plakatkünstler Klaus Staeck aus

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Klaus Staecks erster Plakaterfolg ist das Abbild von Albrecht Dürers Mutter: „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“ (1971), zu sehen im Museum Folkwang Essen.

ESSEN „Ich weiß nicht, wie ich mich entscheide“, sagt Klaus Staeck im Museum Folkwang. Seit 57 Jahren ist der Plakatkünstler und Protestler in der SPD. Nun wird er gefragt, ob er dem Koalitionsvertrag zustimmt. „Es ist beschissen“, sagt Staeck und lässt einen tief in seine Seele blicken. Es ginge doch immer um Pest oder Cholera, meint der 79-Jährige mit Blick auf die Regierungsbeteiligungen der Sozialdemokraten. Am 28. Februar feiert er seinen 80. Geburtstag, und deshalb ist er heute im Museum Folkwang. Das Haus in Essen zeigt die Ausstellung „Klaus Staeck. Sand fürs Getriebe“ ab Freitag, 9. Februar.

Dass die brisante „Groko“-Bildung so zeitnah zu seiner umfassenden Retrospektive stattfindet, demonstriert ganz ungeplant, wie nah Staeck am Zeitgeschehen ist. Dies unterstreicht er nicht nur im lebhaften Gespräch mit Folkwang-Geschäftsführer Hans-Jürgen Lechtreck. Die Schau mit über 200 zum größten Teil Original-Plakaten (1971 bis 2017), Holzschnitten, Siebdrucken, Videos und Multiples bietet Themen, die einfach aktuell sind. Zur Wohnungsnot unserer Tage passt das Motiv von Albrecht Dürers Mutter, das Staeck spitzfindig untertitelte: „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“ Es wird auf das Erscheinungsbild der Frau abgehoben, weil in den 70er Jahren die Klamottenfrage auch eine ideologische war. Grundsätzlich ging es 1971 um Wohnraum für Studenten, heute fehlen auch Wohnungen für Familien und Singles.

„Wir ruinieren die Welt so gut wir könnnen“, sagt Staeck, und gibt sich keiner Illusion hin. „Alle reden vom Klima, wir ruinieren es“ steht auf einem seiner Plakate 1988 für Greenpeace. Darunter sind die Köpfe der Vorstandsvorsitzenden der Hoechst AG und Kali Chemie zu sehen. In Essen spricht Staeck jeden einzelnen an. „Wer hat sein Umweltbewusstsein nach dem Klimaabkommen von Paris geändert?“ Jeder muss was tun, ist sein Aufruf.

Diese gradlinige Art hat ihm 41 Prozesse eingebracht. Er hat sie alle gewonnen. Aber als Sieger fühlt er sich nicht. „Es ist schlimmer geworden“, sagt er und erinnert daran, dass heute ganze Waffenfabriken exportiert werden. Gegen Rüstungsexport, Atomenergie, Vietnamkrieg, Polizeistaat, Diktaturen wie in Chile und den Klimakiller USA hat er immer gekämpft. Und mit Apple, Starbucks, Google, Pfizer, Ikea und Microsoft sind die Gegner nicht kleiner geworden. Dass diese supranationalen Konzerne keine Steuern zahlen, treib ihn um und 2017 zu einem Plakat.

Klaus Staeck, 1938 in Pulsnitz bei Dresden geboren, studierte 1957 in Heidelberg Jura. Er war kunstaffin, weil das Unterrichtsfach etwas Freiraum ließ. Staeck litt unter dem Stalinismus in der DDR („Ich habe mich in die Bilder gerettet“), er wuchs in Bitterfeld auf. Seine chronische Bronchitis führt er auf diese Zeit zurück.

In Essen sind seine ersten Druckgrafiken von 1964 zu sehen. Ab 1966 favorisierte er geometrische Formen, wurde farbiger und ließ sich von der PopArt inspirieren. Den Holzschnitt tauschte er gegen den Siebdruck. 1965 gründete er einen Produzentenverlag (heute: Edition Staeck) und arbeitete ab 1968 mit Joseph Beuys zusammen. Ein Video von 1974 („Mit Beuys in Amerika“) gibt das Gespräch der beiden wieder. Es waren politische Zeiten.

Staecks Wirkung lässt sich beziffern. Es gab 3000 Ausstellungen mit seinen Werken, 28 Millionen Druckerzeugnisse hat er vertrieben, also Plakate, T-Shirts, Taschen... Das Plakat war nur Mittel zum Zweck, kein künstlerischer Endpunkt. Er habe „Demokratiebedarf“ hergestellt, sagt der Jurist, weil er als „Störer der bequemen Verhältnisse“, an einer Staatsform mitwirken wollte, der Demokratie. Franz Josef Strauß (CSU) und die CDU seien seine politischen Gegner gewesen, sagt Staeck, „nicht meine Feinde“.

In der Ausstellung ist die „Aktion für mehr Demokratie“ dokumentiert. 1983 hatte Staeck die Grugahalle angemietet. Auf einem Foto ist er zu sehen. „Hier druckt Staeck“ ist sein Stand. 7000 Menschen kamen und zahlten Eintritt. Günter Grass, Heinrich Böll, Volker Schlöndorff und Hanns Dieter Hüsch sprachen zu den Menschen. „Heute würde ich nicht einmal die Hälfte der Halle oder der Westfalenhalle anmieten“, resümiert der Verleger: „Wir haben andere Zeiten.“

Dass Staecks Werk museal geworden ist, stört ihn nicht. Das Museum sei ein öffentlicher Raum, weiß der Plakatkünstler. Seine satirischen Bildfindungen aus Alltagsdingen, Zeitungs- und Illustriertenfotos sind collagenartig arrangiert. Es geht um politische Zusammenhänge, und die Publikationen sind immer an die „unverschuldeten Schwachen“ adressiert. Staeck will Öffentlichkeit herstellen. Das Museum Folkwang lobt er wegen des freien Eintritts. Er zeigt sich in Essen kraftvoll und kämpferisch. Seine Rede ist treffsicher, wie seine Plakate.

9. 2. bis 8. 4.; di-so 10 – 18 Uhr, do, fr bis 20 Uhr; Katalog 20 Euro; Tel. 0201/ 8845 444; www.museum-folkwang.de

Quelle: wa.de

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