Das Museum Folkwang in Essen zeigt Karl Lagerfeld als Selbstinszenierer

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Der Chef vor und hinter der Kamera: Karl Lagerfeld im Selbstportrait, 2008.

Von Edda Breski ESSEN - Dorian Gray war nicht verheiratet, Oscar Wilde zumindest hat davon nichts notiert. Hätte Gray eine Frau gehabt, so wären zwei Genusssüchtige in Dekadenz und Überdruss verbunden gewesen. Karl Lagerfeld erfand 2005 eine neue Geschichte um den Romanhelden, der die ewige Jugend suchte und das Laster fand. Die Fotoserie „A portrait of Dorian Gray“ (mit Star-Model Eva Herzigova) ist beinahe an den Anfang der Schau „Karl Lagerfeld – Parallele Gegensätze. Fotografie – Buchkunst – Mode“ im Museum Folkwang in Essen gestellt, sie zeigt, was kommt: Selbstinzenierung im Luxus.

Vor die Models haben die Kuratoren, der Verleger Gerhard Steidl und Chanel-Kreativdirektor Eric Pfrunder, den Macher gestellt: Wer die Ausstellungsräume betritt, darf einen Nachbau von Lagerfelds Schreibtisch besichtigen, samt Kreiden, Heften mit Namenszug und Büchersammlung: Kunstbände, Auktionshauskataloge, ein Band Agatha Christie in französischer Ausgabe.

Die Schau, die Lagerfeld am Freitagabend selbst eröffnete, zeigt Fotografien, Kleider, Entwürfe, Nachbauten von Kulissen für Chanel-Modenschauen. Den Mann selbst bekommt man beiläufig im Hinausgehen zu sehen, dort hängen Selbstportraits. Drinnen erzeugt seine Arbeit eine glitzernde Oberfläche. Herzstück ist ein großer Raum mit einer Perspektive, die der jüngsten Herbst-/Winterschau von Chanel nachempfunden ist. Seitenräume zeigen unter anderem Werbeserien: Die Außenhaut des VW Phaeton spiegelt Wolken, daneben zeigen Ansichten aus der Vogelperspektive ein kleines, seltsam ungreifbares Auto. Lagerfeld dachte natürlich den Kontext mit und verweist auf den griechischen Sonnengott Helios, dessen Neffe Phaeton mit dem Sonnenwagen abstürzte. Als griechische Helden hat er seine Modelle für „Le Voyage d’Ulysse“ arrangiert: fließende Locken und transparente Stoffe sind auf dem Tableau nach Homer auf Glaspaneelen zu sehen, das Lagerfeld 2012 für das Hotel Metropole in Monte Carlo designte.

Katalogaufnahmen korrespondieren mit Fotoserien: Aufnahmen für einen Herbst-/Winter-Katalog von Chanel zeigen Modelle vor Häuserfassaden in New York; im angrenzenden Architektur-Raum hängen Siebdrucke mit Fassaden-Details. Ausschnitte des Eiffelturms kombinierte Lagerfeld mit verfremdeten Bäumen. „Designed by Man and Nature“ heißt die Kopplung, die man sich als Trias denken muss: Zur wachsenden Natur und dem Schöpfer des Eiffelturms gesellt sich der Designer Karl Lagerfeld. Bescheidener wird er nicht.

In einem abgedunkelten Raum sind Daguerreotypien zu sehen, die Lagerfeld für Fendi machte, das zweite Mode-Haus, das der 80-Jährige als Art Director lenkt. Die Bilder („The Glory of Water“) sind goldsilbrige Punkte im tiefen Schwarz. Einen Raum weiter gibt’s popart-farbige Stars zu sehen: die Schauspielerin Kirsten Dunst mit Leoparden-BH, den Rapper Theophilus London mit Chanel-Kappe. Die Stars sind Leuchtpunkte auf der Glitzerfläche. Es geht allein um den interpretierenden Fotografen. Die 77-jährige Sopranistin Gwyneth Jones blickt unter halbgesenkten Lidern aus graublauem Weichzeichner-Nebel heraus. Die Augen wirken stärker als der übrige, altersmilde gezeichnete Teil.

Man kann sich auf Prominentensuche begeben: Claudia Schiffer ist als Gretchen in einer Bilderstory zu sehen (Faust, 1995), mit Veruschka von Lehndorff als Teufelsbraut und David Copperfield als Mephisto. Schiffer sieht man häufig, noch öfter das Modell Brad Kroenig. Eine ganze Wand nehmen kleine Portraitfotos von Kroenig ein, entstanden über einen Zeitraum von fünf Jahren. Man sieht weniger das einzelne Gesicht, sondern eine große, leuchtende Kroenig-Wand.

Erläutert wird wenig. Nachlesen kann man am Ende des Rundgangs durch Lagerfelds Panoptikum der Dekadenz, in der Buchabteilung, dem Gipfel der Selbstvermarktung. Hier wird dem Besucher der Lagerfeld-Kanon ans Herz gelegt: Nabokov, Nietzsche, Wilde, Keyserling, Mode- und Designbände, zu haben auch in seiner selbst gegründeten Pariser Buchhandlung. Im Steidl-Verlag veröffentlicht er seit Jahren Bildbände, 2007 gründeten beide den Verlag L.S.D. Zufällig sind die meisten Essener Exponate in Form von Bildbänden aus dem Steidl-Verlag zu haben. Auch Werbeplakate aus Lagerfelds privater Sammlung: Reprints sind in Essen zu sehen.

Bis 11.5., di – so 10 – 18, fr 10 – 22.30 Uhr,, Tel. 0201/88 45 160

www.museum-folkwang.de

Katalog, Steidl-Verlag, Göttingen, 20 Euro

Quelle: wa.de

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