Fotos aus Deutschland von Leonard Freed im Museum Folkwang

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Begeisterungsfähig und erschreckend fand Leonard Freed die Deutschen. Das Bild hat er in Bonn aufgenommen, es ist in der Essener Ausstellung „Made In Germany“ zu sehen.

Von Ralf Stiftel ESSEN - Ein wenig unheimlich waren die Deutschen dem Fotografen Leonard Freed schon. Auf dem Foto aus Bonn mit den begeisterten Zuschauern rückt er ihnen nahe – und fühlt sich bedrängt, wie er schreibt: „Ich klettere mit meiner Kamera hoch über die schwitzende Fläche von Menschen und überblicke die Zahnhöhlen und Mahlzähne.“ Und doch näherte er sich ihnen an, studierte sie, sensibel für Zwischentöne und Details. Seine Bilder sind im Museum Folkwang in Essen zu sehen.

Freed (1929–2006) war vielleicht prädestiniert dafür. Der Sohn ukrainischer Juden, die in die USA vor Verfolgungen geflüchtet waren, kam nach dem Krieg nach Europa. Auf einer Reportagereise in Rom lernte er seine spätere Frau Brigitte kennen, eine Dortmunderin. Freed hatte eigentlich Maler werden wollen, aber dann Gefallen an der Fotografie gefunden. Im Auftrag amerikanischer Magazine bereiste er Europa. Er arbeitete oft an größeren Projekten, brachte 1958 ein Buch über die Juden in Amsterdam heraus. Mehrfach fuhr er durch Deutschland, und 1970 fasste er Aufnahmen vor allem aus den 1960er Jahren im Buch „Made in Germany“ zusammen. Im selben Jahr wird er Mitglied der renommierten Fotoagentur Magnum.

Das Buch bildet die Grundlage der Essener Ausstellung. 111 Originalabzüge übersetzen es ins Medium einer eindringlichen Schau, ergänzt um Freeds eigene Kommentare. Seine Herkunft sorgte für Distanz, aber er bewahrte sich die Neugier. Viele Aufnahmen thematisieren das Nachleben von Faschismus und Rassenhass. So fotografiert er in Bonn die Auseinandersetzung zwischen demonstrierenden Studenten, die fordern: „Vergesst niemals Auschwitz“, und der Vatergeneration, die auf die Demonstranten einprügelt und sie als Abschaum und Faulenzer beschimpft. Im begleitenden Text beklagt er die „Unzulänglichkeit des Fotografen und seiner Instrumente“, weil er nicht zeigen kann, „was er gesehen hat“.

Die Bilder stellen ein vielschichtiges Land vor und einen Fotografen, der offen ist für Widersprüche und Zwischentöne. Freed zeigt die Ostermarschierer, die gegen Krieg und für Völkerverständigung demonstrieren. Er sucht Soldatengräber auf. Er fotografiert uniformierte Schützen eines Düsseldorfer Vereins hinter Bierflaschen ebenso wie Jugendliche, die im Berliner Park abhängen und als Gammler beschimpft werden. Er porträtiert den langhaarigen Jungen in Hanau, der das Eiserne Kreuz seines Großvaters in die Kamera hält. Das militärische Ehrenzeichen wird zum Schmuckstück, Freed registriert diese Spannung. Was der Vater dazu sage, fragt der Fotograf, und notiert die Antwort: „Mein Vater ist tot, an der Ostfront getötet.“ In einer ganzen Serie nahm er Kriegsversehrte auf, denen ein Bein, ein Arm, ein Auge fehlt.

Aber Freed fand noch ganz andere Facetten Deutschlands. Den Modernisierungsschub bildete er ab in Bildern zum Beispiel von Fließbandarbeitern in Leverkusen und dem Programmierer in Sindelfingen. Er nahm einen Autobahnstau im Westerwald auf und zitiert eine Werbebroschüre: „Von diesen freien Straßen hat man einen einzigartigen Blick auf die Landschaft.“

Er fand das Lebensgefühl der alten Zeit in der Bochumer Bergarbeitersiedlung, wo zwei ältere Frauen in Kitteln einen Plausch halten, und eine hat ihren Pudel an der Leine. Manchmal wurde er zum Chronisten, beim Hochwasser in Lippstadt zum Beispiel, und bei den Beerdigungsfeierlichkeiten für Konrad Adenauer. Auch bei Joseph Beuys war er, seine Aufnahme heißt distanziert: „Düsseldorf. Die Familie eines Künstlers.“

Es ist feinste Reporter-Neugier, die Freed antreibt. Sein Buch erzählt viel über die Bundesrepublik der Wirtschaftswunder-Ära. Er fand ein Land, das nach dem verlorenen Krieg von einer unscharfen Trauer befallen war, das vergessen wollte, das so skurril wirken konnte wie der tätowierte Mann, den der Fotograf bei Neuss auf einer Wiese schlafend fand. Immer wieder spürt Freed Momente auf, die seinen Bildern neben der analytischen auch eine ästhetische Schärfe verleihen. Hinreißend das Motorradfahrer-Paar aus dem Siegerland. Beide sehen in ihrem schwarzen Leder so cool aus wie Filmstars in einem Agententhriller. Nur eins passt nicht: Sie trägt eine geblümte Einkaufstasche.

Leonard Freed: Made in Germany im Museum Folkwang Essen. Bis 1.9., di – so 10 – 18, fr bis 22.30 Uhr, Tel. 0201/88 45 444,

www.museum-folkwang.de

Reprint „Made in Germany“ mit Begleitheft, Steidl Verlag Göttingen, 38 Euro

Quelle: wa.de

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