Im Museum Folkwang Essen zeigen neun Künstler ihr Farb-Raum-Verständnis

Flirrend, leicht und aus Zellophan: Karla Blacks schwebende Raumskulptur „First Numbers, Then Letters“ in Essen.

Von Achim Lettmann ESSEN - Sitzplätze liegen schon bereit im Museum Folkwang. Es sind vielkantige Holzklötze, die Wolfgang Flad mit der Schleifmaschine abgerundet und mit frischen Farben aufgehellt hat. „Camouflage“ nennt er seine Installation, die sich jeder zurecht schieben kann, die einfach im Raum liegt, verteilt, verstreut, zum Mitmachen.

Die Präsentation „Nur was nicht ist ist möglich“ soll eine „bunte, luftige Sommerausstellung“ sein, wie Direktor Tobia Bezzola betont. Dahinter steckt das Thema „Malerei im Raum“. Also, wie wird der Gestus des Malens und die Wirkung der Farbe räumlich und körperlich spürbar. Die Schau steht in der Tradition der malerischen Moderne, wie der Ursprung des Museums selbst, das auf die Sammlung von Karl Ernst Osthaus zurückgeht. Er hatte erstmals Bilder zusammengetragen (bis 1921), die mit der Farbe mehr zeigten als das illusionistische Abbild von Mensch und Landschaft.

Aber Sammlungshistorie soll in Essen nicht programmatisch verlängert werden. „Nur was nicht ist ist möglich“, erläutert Kurator Marcel Schumacher, gehe auf den Song „Was ist ist“ der Einstürzenden Neubauten (1996) zurück. Die Künstlergeneration, die heute der Gegenwartskunst Impulse gibt, orientierte sich in den 90er Jahren. In Essen lassen sich neun Positionen mit zahlreichen Arbeiten erkunden.

Wolfgang Flad (39), der in Berlin-Kreuzberg sein Atelier hat, schafft skulpturale Formen, die Raum brauchen und den Raum parzellieren. Ganz anders wirkt Franz Ackermanns Kunst. Sein Raum ist von Farben und grellen Bildkompositionen energetisch aufgeladen. „Heavy Rain“ (Leinwand und Wandbild) hat mit tradierter Ordnung und Goldenem Schnitt nichts mehr zu tun. Wer länger hinschaut, gerät ins Wanken, so krass konkurrieren die Perspektiven. Hier scheint ein Wirbelsturm Häuser, Fassaden und urbane Bruchstücke zu dynamisieren, letztlich aufzuhäufen: Gelb ist schrill, Orange brennt, Hellblau strahlt, Grün ist neon, Lila ein dunkler Abgrund. Ackermann bedient sich beim Comic, macht auf 3D und reißt einen mit Kreisen, Schichtungen und Durchsichten aus der Balance. Herrlich und merkwürdig zugleich.

Bei Cornelia Baltes, 1978 in Mönchengladbach geboren, ist der zweite Blick wichtig. Groß und zeichenhaft sind ihre breiten Pinselschwünge auf den acht Gemälden, die in der hohen Ausstellungshalle des Museums gehängt sind. Die roten Dreiecke an den Bildrändern ergänzen die malerische Geste zu einem skizzenhaften Vogel, der mit Ironie und Witz in den Ausstellungsraum platziert ist. Baltes nimmt die geometrische Form auf und schafft eine amüsante Ambivalenz mit ihrer Installation.

Leicht und duchscheinend ist die Arbeit von Karla Black (Schottland). „First Numbers, Then Letters“ (2013) besteht aus Zellophan und hängt von der Decke. Das Material ist verdreht und geknotet. Es bildet eine schwebende Skulptur aus Waben, die Licht brechen, Reflexe erzeugen und taktile Reize senden. Gleichzeitig wirkt die große Arbeit auch zerbrechlich. Mit Vaseline und Rosa an manchen Stellen wird etwas Lebensnahes imitiert, wie Haut auf Porträtbildern. Karla Blacks Raum macht sensibel und feinnervig.

Gegensätze bringt Simon Dybbroe Møller (Aarhus, Dänemark) zusammen. Sein Raum besteht aus flachen Podesten, die mit „Anti Urination Device (prototype #1) – (prototype #16)“ bestückt sind. Die unfunktional wirkenden Dreiecksformen (Farbe auf Stahl) beziehen sich auf Gebilde, die in städtischen Ecken stehen, wo sich Männer gern erleichtern. Aufgrund der Spritzgefahr, die diese „Stadtmöbel“ garantieren, wird der störende Urinator vertrieben. Simon Dybbroe Møller zeigt auf seinen Stahlplastiken breite malerische Pinselstriche, die an die Kunst der 60er Jahre erinnern, an konkrete Malerei und Minimalismus. Sehr reduziert geht Niele Toroni (Locarno) vor. „Intervention“ sind nur Pinselabdrücke im Abstand von 30 Zentimetern. Der malerische Akt ist extrem zurückgenommen, aber verändert den Raum und die Architektur, wo Toroni interveniert. Marieta Chirulescu (Rumänien) bringt in ihren kleinen Bildformaten malerischen Farbauftrag, Kohlezeichnungen, Fotokopien und Tintendrucke auf die Leinwand. Wie dicht die Techniken nebeneinander liegen, macht den Reiz aus.

Richtig farbig wird’s wieder bei Nicolas Party (Schweiz). Seine Gemälde zeigen blaue Stachelpflanzen und lila Äpfel oder unförmige Henkel-Kannen mit nutzlosen Tüllen („tbc“, 2013). Seine farbintensiven Stilleben verwundern. Zwischen den Bildwerken liegen zitronen- und orangengleiche Miniskulpturen im Raum. Zusammen mit Partys Wandmalereien (wie „Landscape“), die die Malfläche wie ein Fenster öffnen, wird aus dem Raum eine Bühne. Hier muss sich der Betrachter auf die wechselnden Bildgrößen zu- und wegbewegen.

Bei Johannes Wohnseifer (Köln) lassen sich „Masken“-Vorhänge aus farbstarkem PVC vor die grafisch wirkenden Arbeiten aus Punkten schieben. „Obama 8-9“ (2013) ist aus der Distanz als US-Präsident zu erkennen. Wohnseifer, der Assistent von Martin Kippenberger war, erinnert an das Siebdruckverfahren der Pop-Art. Außerdem sind seine „Masken“ eine Sehhilfe, die auf die Bedeutung von Schichtungen in der Malerei abhebt. Ausprobiern!

Die Schau

Erweiterte Malerei ist das Thema einer erfrischenden Ausstellung.

Nur was nicht ist ist möglich. Malerei im Raum im Essener Museum Folkwang.

Bis 28. Juli; di-so 10 bis 18 Uhr, fr bis 22.30 Uhr; Katalog Edition Folkwang/Steidl 20 Euro.

Tel. 0201/8845 000;

www.museum-folkwang.de Künstlergespräch, Samstag, 8. Juni, 15 Uhr mit Baltes, Flad, Møller und Wohnseifer

Quelle: wa.de

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