Museum in Antwerpen erinnert an die transatlantische Reederei Red Star Line

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So stilvoll reiste man mit der Red Star Line nur auf dem Werbeplakat von Henri Cassiers.

Von Ralf Stiftel ANTWERPEN - Vor fast 80 Jahren war Sonia Pressmann schon einmal in diesem Backsteingebäude an der Schelde. 1934 war sie ein Mädchen von fünf Jahren, und ihre Familie wartete in Antwerpen auf Visa für die „Westerland“. Gerade rechtzeitig vor der Ausweisung gelang der jüdischen Familie aus Berlin die Flucht in die USA. „Ohne die Red Star Line wäre ich nicht am Leben“, erzählt die 85-Jährige. Zur Eröffnung des Museums, das an die Reederei erinnert, kam sie aus den USA.

Sonia Pressman Fuentes, wie sie heute heißt, machte Karriere, wurde Anwältin und Vorkämpferin der Frauenrechtsbewegung. Sie ist ein Beweis, welche Bedeutung die Migration hatte und hat. Sie las in den USA in der Zeitung über die Museumspläne und schickte den Machern eine E-Mail. Ob sie Interesse an ihren Erinnerungen hätten. Hatten sie natürlich.

Aber das Museum soll mehr sein als ein Erinnerungsort der Überlebenden. Mehr als 60 Jahre lang starteten von Antwerpen aus die Schiffe, die rund 2,6 Millionen Auswanderer über den Atlantik brachten. Bis das Unternehmen 1934 pleite ging. In den Hallen am Rijnkaai wurden die Passagiere 3. Klasse abgefertigt. Die Gebäude wurden erst nach 1945 wieder genutzt, als Büro der Hafenarbeitergewerkschaft, als Werkstatt, als Lager. Ihre Geschichte wurde vergessen. 2001 wurden sie unter Denkmalschutz gestellt. 2004 wurden erste Ideen für ein Museum entwickelt, das die Geschichte der Auswanderer in einen weiteren Zusammenhang stellt. Migration soll als übergreifend thematisiert werden: Am Ende erzählen an Bildschirmen Auswanderer aus Antwerpen dem Besucher ihre Geschichten.

Das neue Museum wurde vom US-Architektenbüro Beyer Blinder Belle konzipiert, das auch das New Yorker Einwanderungsmuseum Ellis Island geplant hat. Das Gebäude ist das wichtigste Schaustück, betont Projektkoordinator Luc Verheyen. Darum soll es authentisch aussehen, auch wenn zum Beispiel eine Stahlkonstruktion die alten Ziegelwände stützt. Aber man sieht noch immer das Holz der alten Träger, die Patina der Jahrzehnte auf unverputzten Wänden. Auffälligste Zutat ist der Turm, der sich wie ein Schiffsschornstein erhebt und von dem aus man die Stadt überblickt. 18,5 Millionen Euro wurden investiert. Das Haus soll das Hafenviertel Eilandje attraktiver machen, ähnlich wie schon seit 2011 das Museum MAS ganz in der Nähe.

Das Red Star Line Museum zielt besonders auf amerikanische Besucher. Es bietet auf 1750 Quadratmetern eine präzise Erzählung, die dem Weg der Auswanderer folgt von der Anreise aus dem Osten Europas über den Aufenthalt in Antwerpen bis zur Ankunft in der Neuen Welt.

Amerikanische Reeder gründeten das Unternehmen 1873 in Philadelphia, um Öl nach Europa zu verschiffen. Auf dem Rückweg sollten die Tanker Passagiere transportieren. Weil die Löhne in Europa niedriger lagen, wählte man als Firmensitz Antwerpen, fuhr unter belgischer Flagge. Die Schiffe luden aber nur Trockenfracht, weil die US-Gesetze Passagiere auf Öltransporten verboten. Die Red Star Line gehörte neben der HAPAG (Hamburg), dem norddeutschen Lloyd (Bremen) und der Holland Amerika Lijn (Rotterdam) zu den wichtigsten transatlantischen Reedereien. Für Auswanderer aus dem Rheinland, Süddeutschland und Osteuropa war Antwerpen der wichtigste Hafen, weil er über eine direkte Bahnverbindung am schnellsten zu erreichen war.

Die Wirtschaftskrisen seit den 1920er Jahren und die immer strengeren Einwanderungsregeln ließen das Geschäft schlechter gehen. 1934 war die Reederei pleite. Kein Firmenarchiv ist erhalten. Das Museum wurde vor allem von Privatsammlern bestückt. Immerhin haben sich von einigen Passagieren Zeugnisse erhalten, die das Museum zeigt.

Da kommt man in die Promi-Abteilung. Israel Isidore Baline kam als Fünfjähriger aus einem Dorf in Weißrussland in die USA, seine Familie fuhr auf der SS Rijnland der Red Star Line. Er machte Karriere unter dem Namen Irving Berlin und komponierte Welthits wie „White Christmas“ und „Cheek To Cheek“. Sein Klavier ist im Museum zu bewundern. Albert Einstein fuhr mehrmals über den Atlantik, auch 1933, als die Nazis die Macht in Deutschland übernommen hatten. Seinen Austritt aus der Preußischen Akademie der Wissenschaften erklärte der Physiker auf einem Briefbogen der Red Star Line. Das Original ist als Leihgabe ausgestellt.

Man sieht Werbeplakate der Belle Epoque, die Henri Cassiers gestaltet hat, und die Gemälde des Antwerpener Malers Eugène van Mieghem, Fotos und alte Koffer. Liegestühle der Luxusklasse zeigen den Komfort wohlhabender Kreuzfahrt-Passagiere. Die Welt der Auswanderer in der 3. Klasse freilich sah anders aus: Eingepfercht unter Deck, mit wenig Abwechslung und einer kargen Verpflegung. Willkommen waren sie nicht, wie zeitgenössische Karikaturen zeigen. Man fürchtete, dass sie Krankheiten einschleppten. Darum mussten sie sich in den Hallen am Rijnkaai duschen, wurden entlaust, desinfiziert, untersucht. Der Besucher kann die Desinfektionsmittel an einer Station riechen. Er ahnt, wie mühsam der Weg durchs Tor zur Neuen Welt war.

Red Star Line Museum in Antwerpen. di – fr 10 – 17, sa, so 10 – 18 Uhr, Tel. 0032/ 3/ 206 03 50, www.redstarline.be, Katalogbuch (engl./nl.) 29,95 Euro, Museumsführer (engl./nl.) 12,50 Euro)

Allg. Info: Tourismus Flandern, Köln, 0221 / 270 97 70

www.flandern.com

Quelle: wa.de

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