Museum Abtei Liesborn zeigt in Wadersloh: „Stillstehende Sachen“

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Zofia Kuliks Kombination von Stillleben: „Still Life“ (1994-2009) ▪

Von Marion Gay ▪ WADERSLOH–Gleich zweimal ist die Ziege da: Auf dem Porträt über dem alten Küchenschrank und im Bild zusammen mit dem Küchenschrank. Die Installation „Die Ziege im Atelier“ (2007) von Dieter Mammel und Friederike Walter spielt ironisch mit dem Sujet des klassischen Stilllebens.

Unter dem Titel „Stillstehende Sachen – Niederländische Stillleben des 17. Jahrhunderts im Dialog mit zeitgenössischer Malerei“ präsentiert das Museum Abtei Liesborn in Wadersloh rund 180 Kunstwerke aus der Sammlung Soer Rusche. Zu sehen sind vor allem Gemälde, aber auch Zeichnungen, Fotografien, Skulpturen und eine Videoarbeit. Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf der zeitgenössischen Kunst, die sich um rund 25 Werke alter Meister gruppiert.

Erstaunlich, was die Oelder Unternehmerfamilie Soer Rusche im Laufe der Jahre an Kunst zusammengetragen hat, darunter Werke international bekannter Künstler wie Zofia Kulik, David Lynch und Werner Tübke. Es finden sich klassische Stillleben wie die üppigen Blumenbouquets, aber auch triviale Alltagsdinge. So etwa die gelbe Plastiktüte, die in sich zusammengesunken an der Wand lehnt, im Gemälde „Yellow bag“ (2005) von James Lloyd. Oder das umgekippte Cola-Glas im Bild „Auf der Suche nach dem sächsischen Bergland“ (2010) von Kathrin Heichel.

Die gedrängte Fülle an unterschiedlichen Werken zeugt von ungebändigter Sammelleidenschaft, überfordert den Besucher aber schnell. Dazu kommt, dass höchstens die Hälfte der Arbeiten in ihrer Qualität überzeugen können.

Im 17. Jahrhundert von den Kunsttheoretikern gering geschätzt, waren die Stillleben bei Auftraggebern und Sammlern heiß begehrt. Man unterscheidet verschiedene Themen wie die weit verbreiteten Blumen-Stillleben, die gedeckten Tische, Jagdbeute-Stillleben, Augentäuscher-Stillleben und die Vanitas-Stillleben, die während des so genannten Goldenen Zeitalters in den Niederlanden entstanden. Hier mahnen oft menschliche Schädel an die Vergänglichkeit des Lebens, zu sehen etwa im Gemälde aus dem Umkreis des Jaques Adolphsz von 1664. Der Schädel ruht auf einem dicht beschriebenen Blatt Papier, umgeben von Musikinstrumenten, Prunkgläsern, Büchern und der brennenden Kerze.

Natürlich wollten die Auftraggeber von Stillleben ihren Wohlstand und gesellschaftlichen Status dargestellt sehen. Gleichzeitig erzählen chinesisches Porzellan, exotische Früchte und orientalische Teppiche vom sich weitenden Horizont der Schifffahrtnation und Handelsweltmacht und dem Interesse an neu entdeckten Ländern.

Das „Nachtmahl“ (2010) von Jan Dörre wirkt auf den ersten Blick altmeisterlich. Gemalt in dunklen Farben, die Kruste des Brotes scheint zum Anbeißen echt, der Wein schimmert im Glas. Aber statt Reichtum zeigt sich entspannte Einfachheit, wenn Käfer und Schnecken Salami und Walnüsse umschleichen. Schockierend in ihrer fotorealistischen Authentizität sind die Bilder der Serie „Still Life“ (1994 – 2009) der polnischen Künstlerin Zofia Kulik: Der abgehackte Schweinekopf liegt zwischen Spitzendeckchen. Abstoßend auch die blaugeäderten Beine im Gemälde „legs“ (2011) des Ungarn Alexander Tinei. Das Motiv hat auf den ersten Blick nichts mehr mit den klassischen Stillleben gemein, dennoch zeigt es die Vergänglichkeit, das Zerrinnen von Schönheit und Lebenszeit.

Ähnlich wie in den Bildern des 17. Jahrhunderts finden sich auch in der zeitgenössischen Malerei Augentäuschereien. Heute aber wählt der Künstler meist ironische Distanz. Wie die 1987 geborene Lea Kuhl im Werk „Ein Stück von Tante Mia“ (2008). Im schlammgrünen Tapetenmuster prangt ein altmodischer Lichtschalter, so täuschend echt, dass man ihn am liebsten ausprobieren möchte.

Die Schau

Abwechslungsreiche Sammlungsausstellung zu einem ewig jungen Thema der Kunst

Stillstehende Sachen im Museum Abtei Liesborn in Wadersloh. Bis 29. April; Di- Fr 9 – 12 und 14 – 17 Uhr, Sa/So 14 – 17 Uhr; Tel. 02523/ 98240

Quelle: wa.de

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