Münster würdigt Hans Blumenberg: „Denken in Metaphern“

Blick auf ein Kunstwerk: „Im Schiffbruch nicht schwimmen können“ (2011) ist ein Video von Marcel Odenbach, in dem auf ein Kunstwerk geblickt wird, zu sehen im Westfälischen Kunstverein Münster. Foto: odenbach/galerie gisela capitain, köln

Münster – Das Drama hat Théodore Géricault 1819 gemalt. Schiffbrüchige sind auf ein Floß aus Planken und Resten ihres Segelschiffs angewiesen, um dem Untergang auf hoher See zu trotzen: Das „Floß der Medusa“ zeigt hingeraffte Gestalten, dem Tod geweihte Menschen. Das Unglück ereilte die französische Fregatte Meduse 1816, die auf den Senegal zusteuerte, um das Land wieder unter Kontrolle zu bringen. Von 147 Schiffbrüchigen überlebten nur 15. Der Künstler Marcel Odenbach (Köln) nimmt das Werk als Fixpunkt für seine Reflexion über das Thema Schiffbruch. Sein Video „Im Schiffbruch nicht schwimmen können“ (2011, 8:23 Min.) berührt eine existenzielle Not, die als Urangst des Menschen im Begriff Schiffbruch eine mehrdeutige Spielart erfährt: Untergang der Hoffnung, Tod im endlosen Meer, Opfer beschränkter Fähigkeiten.

Im Video schauen drei schwarze Männer auf das monumentale Gemälde im Pariser Louvre. Sie bleiben stumm, ihre Gedanken zum „Floß der Medusa“ sind nicht zu erahnen. Als zwei der drei gehen, bleibt der jüngste zurück. Nun wechselt Odenbach die Kameraposition, Wellen plätschern an einen Strand und persönliche Assoziationen erhalten Raum, die mit einer Flucht übers Meer korrespondieren und damit in unserer Gegenwart angekommen sind. Odenbach stößt letztlich eine sehr präzise Gedankenführung an. Das Seestück als gemalte Metapher in seinem Video lässt sich nun mit dem Schicksal von Flüchtlingen im Mittelmeer verbinden und der Seenotrettung mit ihren unvermeidlichen Tragödien.

Im Projektraum des Westfälischen Kunstvereins in Münster, der mit dem Landesmuseum gemeinsam geführt wird, ist das Video zu sehen. Die Institute erinnern in dem mehrteiligen Projekt „Denken in Metaphern“ vor allem an Hans Blumenberg. Der Philosoph (1920–1996) hatte von 1970 bis 1985 an der Wilhelm-Universität in Münster gelehrt und wäre am 13. Juli 100 Jahre alt geworden. Blumenberg hat über Metaphern und Bilder nachgedacht, die der Mensch entwirft und nutzt, um sich über sein Leben und seinen Lebensweg klarzuwerden. Wer hat nicht schon mal einen „Schiffbruch“ erlitten, ohne tatsächlich auf hoher See gewesen zu sein.

In Lübeck geboren war Blumenbergs Vater Inhaber eines Kunstverlags. Aufgrund der jüdischen Herkunft seiner Mutter war dem Sohn ein Theologiestudium im NS-Staat verwehrt. Nach Arbeitsdienst und KZ versteckte ihn die Familie seiner Frau, die er 1944 geheiratet hatte. Erst in den 50er Jahren konnte er Philosophie in Hamburg studieren. Er promovierte in Kiel und kam über Gießen und Bochum nach Münster.

Blumenberg hat die Philosophie nicht nur an die klassische Ideengeschichte geknüpft, sondern über Fragen zur Dichtung, Imagination und Fiktion seine Hörerschaft erweitert. In seinen Vorlesungen widmete er sich sprachlichen Bildern, die für Bewusstseinsbereiche stehen, denen der Mensch mit Vernunft orientierten Erklärung nicht gänzlich beikommen kann: „Ich“, „Welt“, „Geschichte“, „Zeit“ beispielsweise.

In Münster hat die Auseinandersetzung mit Blumenberg eine junge Tradition. Vor allem bei den Skulptur Projekten 1987 haben zwei Künstler auf Blumenberg reagiert. Ludger Gerdes (1954–2009) baute seine Außenskulptur ins Grüne des nördlichen Teils der Stadt Münster (zwischen Horstmarer Landweg und Mendelstraße). Der gemauerte Bug seiner Insel „Schiff für Münster“ mit zwei Pappeln und einem Hausgestell dahinter hält auch heute noch Kurs. Im Landesmuseum, zweites Obergeschoss, sind Gerdes’ Materialien ausgestellt. Ein Modell zu „Schiff für Münster“, Zeichnungen, Kopien und Paneele. Sieben dieser Präsentationseinheiten dokumentieren Schiffskatastrophen, die Gerdes von 1994 bis 2000 aus Zeitungen ausgeschnitten hatte und mit Zitaten von Philosophen und Blumenberg kombinierte. Auch die Robinson-Sehnsucht des Menschen, einmal der Natur ausgeliefert zu sein und sich im Fremden zu erproben, spielt bei Schiffbruch-Fantasien eine Rolle und sagt viel über die Befindlichkeit des modernen Menschen aus.

Verwiesen wird auf die permanente Installation von Harald Klingelhöller „Die Wiese lacht oder Das Gesicht in der Wand“ (1987), die im Innenhof der Juristischen Fakultät zu sehen ist. Außerdem sind im Philosophikum der Wilhelms-Universität Publikationen, Bücher und Erinnerungen an Hans Blumenberg ausgestellt.

Blumenberg erlebt derzeit als Denker eine Renaissance. Seine Kulturkritik setzt da an, wo der Mensch Strategien braucht, um in einer Welt bestehen zu können, die nichts Absolutes, also Göttliches, mehr zulässt. Wissenschaft und Technik dominieren die Natur mit ihren Erklärungsmethoden, so Blumenbergs Analyse. Der Philosoph diagnostiziere ein Sinnvakuum, das der Mensch auf Dauer nicht aushalte, schreibt Josef Wetz über Blumenberg. Diese Leerstelle sei von Ideologen im 20. Jahrhundert gefüllt worden. Während Hitlers Ziele in den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust mit Abermillionen Toten führten, hätte der Sozialismus Deportationen von Menschen und Massenerschießungen zu verantworten.

Fürs ausgehende 20. Jahrhundert gedacht, erläutert Philosoph Wetz in seiner Einführung zum Denken Blumenbergs, kennzeichnen Konsum und Fortschritt die Irritation des Menschen. Blumenberg rate, diese Leerstellen zu füllen. Das heißt, Konsumvielfalt und Fortschrittshysterie sollen angegangen werden. Für Wetz ist Blumenberg der Vordenker, der eine „Sinn-Diät“ verordnet hat. Ansprüche und Erwartungen sollen herabgesetzt werden. In unsere Zeit übertragen treffen Begriffe wie Konsumverzicht und Nachhaltigkeit die Hilfen im menschlichen Dasein, wie sie Hans Blumenberg gedacht hat.

Bis 4. 10.; Kunstverein di-so 11 – 19 Uhr (Video auch nachts von außen sichtbar), Landesmuseum di-so 10 – 18 Uhr (Laufzeit über Oktober hinaus), Philosophikum der Universität mo-fr 8 – 20 Uhr; www.westfaelischer- kunstverein.de

www.lwl.org/LWL/Kultur/museumkunstkultur

Quelle: wa.de

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