Münster eröffnet ein fünfteiliges Ausstellungsprojekt: „Frieden“

Geste der Demut: Willy Brandt vor dem Ehrenmal des Warschauer Ghettos 1970.

MÜNSTER Blumen und Ähren hält Pax in ihrem linken Arm. Da sie die rechte noch frei hat, brennt die Göttin Waffen und Helme nieder. Sie bringt den Frieden mit werbendem Schwung und matronenhafter Kraft. Das Gemälde von Battista Dossi von 1544 verspricht Wohlstand, wenn Pax auftritt. Selbst die Fressfeinde Lamm und Wolf sind hier freundlich wie Haustiere. Neben „Pax“ hängt im Landesmuseum in Münster die „Justizia“ (Gerechtigkeit) des Renaissancemalers. Beide zeigen, mit welcher Symbolik der Herzog von Ferrara seine ausgleichende Politik zwischen großen Mächten in Stellung brachte.

Die Exponate sind Auftragswerke und waren für den kleinen Fürstenhof in Italien bestimmt. Dass solche politischen Leitbilder in der Geschichte der Menschheit wenig bewirkten, klammert die Ausstellung „Frieden“ des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) nicht aus. Selbst heutzutage gibt es über 200 bewaffnete Konflikte weltweit, sagte LWL-Direktor Matthias Löb in Münster. „Von der Antike bis heute“, so der Untertitel der Schau, deutet auf eine Initiative in Münster, die fünf Präsentationen von fünf Institutionen umfasst. Über 660 Exponate sind in vier Museen zu sehen. Rund 50 Wissenschaftler haben drei Jahre daran gearbeitet.

Anlass dieses einzigartigen Schauprojekts für die Stadt ist das Jubiläumsjahr. 1618 brach der 30-jährige Krieg aus. Und 1648 wurde der Westfälische Frieden in Münster und Osnabrück geschlossen. Der 1. Weltkrieg endete 1918 – vor 100 Jahren. Schirmherr der Ausstellungen ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Das Schau-Projekt ist ein Beitrag zum europäischen Kulturerbejahr. Die Eröffnung nimmt heute Monika Grütters vor, die Beauftragte des Bundes für Kultur und Medien.

„Wege zum Frieden“ wird im Landesmuseum in sechs Themenräume gegliedert. Und es überrascht, wie häufig Künstler versuchten, über Schreckensbilder vom Krieg eben diesen zu bekämpfen. In Münster werden nur beispielhaft Künstler präsentiert, die sich aus ihrer Biografie heraus gegen die menschenverachtenden Konflikte einsetzten. Peter Paul Rubens war bei Friedensverhandlungen zwischen England und Spanien dabei, als es um die Niederlande ging. Dem englischen König schenkte er eine Friedensallegorie, aber der Streit um die spanische Provinz spitzte sich weiter zu. In Münster ist seine Ölskizze „Allegorie auf den Krieg“ (um 1628) zu sehen, die eine verletzliche und deprimierte Frau auf dem Schlachtfeld zeigt. Ob das Bild eine eigenständige Studie zum Schrecken des Krieges sein soll, ist allerdings nicht gesichert.

Otto Dix hatte selbst in den Gräben des 1. Weltkriegs gelegen. Sein großes Gemälde „Flandern“ (1934-36) belegt bitter und entschieden, wie Soldaten eins mit der Kriegslandschaft wurden und starben – ein großes Schmerzensbild. Analytisch sind seine Radierungen im Zyklus „Der Krieg“. Dix deckt in der Tradition Goyas das Bestialische auf. „Leiche im Drahtverhau“ und „Verwundeter“ bilden den Horroralltag im Graben ab. Von Käthe Kollwitz sind sieben Holzschnitte zum Krieg (1922/23) zu sehen. Sie schuf vor allem für Leid und Ohnmacht tief nachempfundene Bilder. Die Skulptur „Der Gestürzte“ (1915/16) von Wilhelm Lehmbruck drückt Hoffnungslosigkeit aus.

Aber auch Friedensstifter werden in Münster gezeigt. Welche Mittel hatten sie? Als im 100-jährigen Krieg die Engländer das französische Calais 1347 einnahmen, traten Bürger hervor, um sich für die Stadt zu verwenden. Die Gefühle ihrer Erniedrigung führte Auguste Rodin plastisch zu einer Figurengruppe zusammen. In Münster sind kleine Bronzen der „Bürger von Calais“ (um 1900) ausgestellt. Sie boten den Engländern Genugtuung an. Den Tod hatten sie nicht zu befürchten. Willy Brandt zeigte sich 1970 am Ehrenmal des Warschauer Ghettos demütig. Der Bundeskanzler gestand die deutsche Schuld am Holocaust ein und warb um Aussöhnung im Ost-West-Konflikt.

Friedensschlüsse werden mit Gemälden, Karten und Grafiken vorgestellt, wie die Bevollmächtigen des Wiener Kongress 1815, die auf einem Kupferstich von Jean Godefroy (1819) Gelassenheit ausstrahlen. Aber vor allem der Raum „Im Zeitalter der Extreme“ belegt, wie vergeblich der vielfache Versuch war, Kriegstreiber wie Adolf Hitler davon abzubringen, die Welt in Brand zu stecken.

Es gibt kein Patent auf Frieden, aber auch keine Alternative. Am Ende der Schau, wo eine Reihe von Titelbildern aus dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ Krieg und Frieden benennen, kommen Menschen im Interview zu Wort, was sie zum Frieden denken. Sie sprechen uns an.

Die Schau

Eine historische Schau mit herrlichen Objekten, die belegen, wie schwer es ist, Frieden zu wahren.

Wege zum Frieden im Landesmuseum Münster. Eröffnungstag Samstag 16.30–24 Uhr. Tel. 0251/5907 201 Weitere Ausstellungen:

Frieden – Wie im Himmel so auf Erden? Bistumsausstellung, auch im Landesmuseum.

Eirene – Pax. Frieden in der Antike im Archäologischen Museum der Universität, Samstag 16.30–24 Uhr. Tel. 0251/ 8324 588

Ein Grund zum Feiern? Münster und der Westfälische Frieden im Stadtmuseum, Samstag 10–20 Uhr; Tel. 0251/492 4503

Picasso. Vom Schrecken des Krieges zur Friedenstaube im Picasso-Museum, Samstag 10–20 Uhr; Tel. 0251/4144 710

Alle Ausstellung gehen bis 2. 9., di-so 10 – 18 Uhr. Kataloge zu allen fünf Ausstellungen.

Zentrales Service-Tel. 0251/5907 201;

www.frieden-europa.de

Wir berichten in loser Folge über die einzelnen Ausstellungen.

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