Mülheim zeigt neue Stücke bei den 43. Theatertagen

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Bild aus dem Stück „Homohalal“ von Ibrahim Amir in einer Inszenierung des Staatsschauspiels Dresden.

MÜLHEIM Mitten im Festival der 43. Mülheimer Theatertage kriegt die dort versammelte Kulturszene ordentlich Gegenwind von der Bühne. Die Kulturbloggerin Fräulein Agnes hat sie alle satt: „Die Stipendien-Parasiten“ und die „ihren eigenen Mythos in Zement gießenden Großschriftsteller“ mitsamt ihren „Großschriftsteller-Gattinnen“. Und erst recht die „kapitalismuskritischen Künstler“, die „geldfinanziert herumgrölen und wie Welpen in die sie fütternde Hand beißen, ohne die sie verreckt wären in einem muffigen Büro mit Gummibaum“. Ob sich die platinblonde Wut-Kritikerin hier noch Freunde macht?

Mit der titelgebenden Heldin „Fräulein Agnes“ hat die Dramatikerin Rebekka Kricheldorf Molières „Menschenfeind“ aus dem 17. Jahrhundert in das Kreativmilieu der Jetztzeit versetzt. Die Bloggerin steht ihrem Vorgänger Alceste in nichts nach, und sie teilt aus. Ob Paare, Singles, Hundefreunde oder eben Künstler – alle widern sie an. So angeekelt ist sie von der Verlogenheit der Gesellschaft, dass sie zum äußersten Mittel greift und einen rücksichtslosen Verriss über die Liebeslieder ihres dichtenden Sohnes schreibt. Schließlich gelte auch hier Ingeborg Bachmanns berühmter Satz: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

Kricheldorf hat sich mit überspitzt utopischen Gesellschaftsbeschreibungen einen Namen an den Theatern gemacht. Ihre Komödien „Alltag & Ekstase“ und „Homo Empathicus“ sind an vielen deutschen Bühnen zu sehen. Auch im Mülheimer Festival war die Autorin immer wieder vertreten.

„Fräulein Agnes“ wurde im laufenden Wettbewerb in der Uraufführungsinszenierung des Deutschen Theaters Göttingen vorgestellt. Im Mittelpunkt steht Rebecca Klingenberg als unbestechliche Bloggerin, die es sich um den Preis der Wahrheit mit Freunden, Familie und der restlichen Welt verscherzt. Regisseur Erich Siedler zeigt Agnes als hysterische Großstadtbürgerin mit Tunnelblick, die sich in ihren hehren Prinzipien verheddert. Das ist schön schräg und witzig, jedoch ist die Geschichte damit leider bereits mit dem Eröffnungsmonolog im Wesentlichen auserzählt. Im Laufe des Abends scheint nur mehr in wenigen Momenten mal eine neue Facette von Agnes durch.

Im „Stücke“-Wettbewerb stehen traditionell die Texte der Dramen im Mittelpunkt. Sie sind entscheidend für die Vergabe des mit 15 000 Euro dotierten Mülheimer Dramatikerpreises durch die Jury. Nur zeigen die Wettbewerbsbeiträge immer wieder, dass die Regie die Geschichten nicht nur deutet, formt oder erweitert, sondern den Blick auf das Stück auch einschränkt.

Ibrahim Amirs „Homohalal“ vermittelt ebenfalls diesen Eindruck. Der Autor, der vor rund 15 Jahren für sein Medizinstudium aus Syrien nach Wien kam, blickt in dem Stück auf die sogenannte Flüchtlingskrise. Er fragt, was im Jahr 2038 in Dresden aus Geflüchteten, Helfern und Aktivisten geworden ist. Bei einer Urnenbestattung durch die einstige Katholikin und nun ehrenamtliche Imamin Barbara treffen sie alle wieder aufeinander. Alte Konflikte, neue Vorurteile und allerlei Verwicklungen rund um die Frage Wer-mit-Wem werden ausgefochten. Es ist ein entlarvender Stoff, der sich über gut meinende Helfer wie auch über spießige Zuwanderer lustig macht und einige Klischees fröhlich auf den Kopf stellt. Und im Mittelpunkt steht Amis Überzeugung, dass Flucht ein vorübergehender Zustand ist, jedoch nicht einen Menschen definiert.

Ursprünglich sollte „Homohalal“ 2016 am Wiener Volkstheater uraufgeführt werden, doch das Haus sagte kurz vor der Premiere ab – es gab dort Befürchtungen, das Stück könnte missverstanden werden. Dass Staatsschauspiel Dresden griff daraufhin zu und Regisseurin Laura Linnemann überspitzte die Integrationskomödie dort zur Sitcom: Die Figuren treten dort als Spießer-Karikatur mit weizenblonden Perücken, bonbonfarbenen Kostümen und verrutschtem Schnurrbart auf. So spielen die Darsteller betont exzentrisch und bieten kaum Gelegenheit, die Charaktere jenseits dieses Trash-Eindrucks zu entdecken.

Ob die weiteren Beiträge im „Stücke“-Jahrgang 2018 differenziertere Einblicke bieten? Diffuse Ängste angesichts von Terror, neuer Fremdenfeindlichkeit und sozialer Ausgrenzung bilden hier einen Themenschwerpunkt. Junge Dramatiker wie die in Arnsberg geborene Maria Milisavljevic und der Österreicher Thomas Köck stehen renommierten Autor wie Elfriede Jelinek und Thomas Melle gegenüber.

Die Auswahl der Jury spiegelt Strömungen und Trends im Theater wieder; manches Stück war auch beim Berliner Theatertreffen zu sehen. Am kommenden Samstag kann sich das Publikum auf den frisch gekürten Alfred-Kerr-Preisträger Benny Claessens als Darsteller in Jelinek Trump-Abrechnung „Am Königsweg“ freuen.

Annette Kiehl

Die 43. Mülheimer Theatertage enden am 2. Juni mit der Entscheidung über die Vergabe des Jury- und des Publikumspreises. Ticket-Tel. 0208/960960, www.stuecke.de.

Quelle: wa.de

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