Kongo-Tour: Mülheimer „Stücke“ mit „Die lächerliche Finsternis“ eröffnet

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„Die lächerliche Finsternis“ war in einer Inszenierung des Wiener Burgtheaters in Mülheim zu sehen.

MÜLHEIM - 1899 beschrieb Joseph Conrad in seiner Erzählung „Herz der Finsternis“ die Reise des Seemanns Marlow in den Kongo und die gewaltsame Kolonialisierung des Landes durch die Europäer. 1979 schilderte Francis Ford Coppola in dem Film „Apocapylse Now“ die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Vietnamkrieges. Die Vorlage hierfür war Conrads Buch.

„Nach Francis Ford Conrads Herz der Apokalypse“ lautet der Untertitel zu Wolfram Lotz‘ Stück „Die lächerliche Finsternis“. Es handelt von einem somalischen Piraten, der vor dem Hamburger Landgericht um Verständnis für den Überfall auf ein Frachtschiff bittet. In einer Inszenierung des Wiener Burgtheaters im Akademietheater eröffnete das Stück am Samstag die 40. Mülheimer Theatertage „Stücke 2015“.

„Wie ja auch der Deutschen Presse zu entnehmen war, bin ich ein schwarzer Neger aus Somalia.“ Mit diesen Worten, vorgetragen in liebenswürdig derber österreichischer Mundart von Schauspielerin Stefanie Reinsperger, stellt sich der Pirat dem Gericht vor. Er (oder sie?) erzählt vom leergefischten Meer, das ihn um seinen Lebensunterhalt brachte und vom Meeresgrund aus Wut, „aus unendlicher, ewiger Wut“. Seine Perspektive: ein „Diplomstudium der Piraterie an der Hochschule von Mogadischu, finanziert von der Studienstiftung des somalischen Volkes“.

Mit diesen Brüchen zwischen Dramatischem und Absurdem spielt der Text von Wolfram Lotz, Jahrgang 1981. Der Autor schrieb das Stück aus Wut über die Anklage eines Piraten in Hamburg: „Was für ein Irrsinn ist es denn, Leute verurteilen zu wollen, über deren Lebensumstände wir praktisch nichts wissen“, beschrieb er seinen Impuls in einem Interview.

Regisseur und Bühnenbildner Duan David Parízek hat mit Lotz‘ Bekenntnis zur Unwissenheit konsequent gearbeitet. Er besetzte die Männerrollen im Stück ausschließlich mit Frauen. Die Bundeswehr-Soldaten auf Kongo-Tour treten als coole Mädels mit langen Haaren, großen Sonnenbrillen und „Skinny Jeans“ (Catrin Striebeck und Frida-Lovisa Hamann) auf. Im Hintergrund fabrizieren die Darsteller die Geräuschkulisse zur Geschichte spielerisch mit Alltagsgegenständen. Der Marschplan durch den Dschungel wird auf einer Karte der Mülheimer Stadthalle dargestellt. Ein lustvolles Theaterspiel.

Dass die Inszenierung nicht zur reinen Satire wird, liegt an der Weiterentwicklung von Lotz‘ Ideen durch den Regisseur und an den fabelhaften Darstellern, allen voran Stefanie Reinsperger. Es macht zunächst einfach großen Spaß, ihr energisches Theaterspiel als Pirat mit österreichischem Dialekt zu beobachten. Sie übertreibt, überdreht, malt sich das Gesicht schwarz an und lässt ihre blonden langen Haare durch die Luft fliegen. Doch ebenso souverän lässt sie die Tragik und Dramatik, die dem Stück zu Grunde liegt, anklingen und bis zum Publikum durchklingen.

Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto düsterer werden die Bilder. Auf ihrer Mission dringen die Bundeswehrsoldaten immer tiefer in den Dschungel vor, treffen auf die Opfer und Täter der Kolonialisierung. Brutalität und Sinnlosigkeit prägen den Ton. Im Hintergund der Bühne landen Holzbretter im Schredder, der Pop-Song „The Lion Sleeps Tonight“ klingt in den Gesängen der Darsteller ironisch und brachial.

Dennoch lässt Lotz es nicht zu, dass das Grauen des Krieges zum Mythos stilisiert wird. Immer wieder bricht er solche Bilder mit Verweisen auf Bio-Wahn, Spießer-Träume und Gutmenschentum. Auch die Finsternis ist lächerlich, kündigt er im Titel an.

Die 40. Mülheimer Theatertage laufen bis zum 4. Juni 2015. Sieben Dramatiker konkurrieren im Festival um den Mülheimer Dramatikerpreis (15.000 Euro) und den undotierten Publikumspreis. Am Sonntag, 31. Mai, wird der Geburtstag der „Stücke“ mit einem großen Fest rund um die Stadthalle gefeiert. Bis zum 22. Mai finden in Mülheim die KinderStücke statt. www.stuecke.de

Quelle: wa.de

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