„Mozart“: Xin Peng Wang erneuert seine Choreografie in Dortmund

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Fein ironisierte Zeitbilder: Szene aus Xin Peng Wangs „Mozart“-Choreografie in Dortmund. ▪

Von Ursula Pfennig ▪ DORTMUND–Es ist das Ende. Vater Tod, schwarz gewandet, schiebt Wolfgang Amadeus Mozart auf einer Bahre herein: ein junger Mann mit nacktem Oberkörper, ohne Perücke. Ein ausgebrannter Kraftprotz. Noch einmal bäumt er sich auf, tanzt, was das Zeug hält. Keine Spur von Traurigkeit, keine Spur von Mäßigung. Er ballt die Fäuste, entlädt unbändige Kraft in Sprüngen, kokettiert in männlichen Posen. Nur manchmal zittern die Muskeln, verharrt er winzige Momente im Zögern. „Ein wenig bange ist mir schon...“ schrieb Mozart kurz vor seinem Tod an seine Frau.

Das Zitat aus Mozarts Briefen ist ein Leitthema in Xin Peng Wangs Neufassung des abendfüllenden Balletts „Mozart“. Im finalen Solo von Mark Radjapov lässt er das Feuer, in dem sich der geniale Komponist als Mensch selbst verzehrte, noch einmal Gestalt annehmen. Zum Requiem KV 626, klassischer Tanz auf klassische Musik. Xin Peng Wang und die Tänzerinnen und Tänzer des Balletts Dortmund beherrschen die Klaviatur. Weite Passagen des Balletts werden auf Spitze getanzt. Handwerkliche Perfektion in Choreografie und Bewegungsabläufen ist die Grundlage. Doch so wie Mozarts Werke nicht nur virtuos sind, schafft Xin Peng Wang es, jenseits von allem Formalismus brillante Bilder zu schaffen, die berühren.

Im Gegensatz zu der Fassung, die Xin Peng Wang 2006 in Dortmund auf die Bühne brachte, setzte er diesmal in Zusammenarbeit mit dem Dramaturgen Christian Baier den Schwerpunkt deutlicher auf die Psychologie Mozarts und ergänzte Mozarts Musik durch Stücke von Michael Nyman. Obwohl 200 Jahre Musikgeschichte zwischen den Komponisten liegen, prallt ihre Musik an dem Abend nicht als Kontrast aufeinander, sondern fügt sich harmonisch aneinander. Nyman scheint Mozarts Werk fortzuführen, in direkten Zitaten, aber auch in einer unbefangenen Haltung gegenüber Traditionen und Konventionen.

Die Ausstattung von Jérôme Kaplan ist zurückhaltend. Große, durchscheinende Paravents strukturieren den Raum und projizieren farbiges Licht. Das schafft Stimmung. Zum Auftakt, zu Nymans „I’m an unusual thing“, schweben Wolkenfetzen über den Bühnenhintergrund und die Paravents. Klar wird: Hier geht es um himmlische Sphären und die Gefahr, sich im Bodenlosen zu verlieren.

Auf erzählerische Elemente wird nicht verzichtet. Das Ballett bewegt sich entlang der Biografie Mozarts. Der kleine Mozart (Luis Moret-Chanzá) als vom Vater (Lukes Forbes) drangsaliertes Wunderkind, der jugendliche Liebhaber von Constanze (Risa Tateishi als selbstbewusste junge Frau), der Superstar, der in die Welt hinauswollte. Thematisiert werden auch seine Liebschaften mit anderen Frauen, seine Beziehung zur höfischen Gesellschaft, seine Opern in skurriler Gestalt. Doch „Mozart“ ist kein Handlungsballett. Die Handlung wird lediglich angedeutet, bestimmend bleiben Bilder und Bewegungen, die Gefühle vermitteln.

Dabei sind es häufig Details, kleine Risse und Brüche, die hinter der betörend schönen Fassade aus Mozarts Musik, klassischem Ballett und großzügigem Bühnenbild die menschlichen Schwächen ahnen lassen. Ein Pas-de-deux zum Beispiel, in dem sie eine Spur zu lasziv, er ein wenig zu pathetisch agiert. Und schon klingt auch Mozarts Musik ironisch. Oder doch nicht? Das Überdrehte des Rokoko wird als Spiel entlarvt, dann wieder ernst genommen, schließlich ein todernstes Spiel. Diese Gratwanderung macht „Mozart“ zum Genuss.

26.12., 29.1., 27.2., 6.4, 15.4, 21.5., 9.6

Tel. 0231 / 50 27 222, http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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