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„Moulin Rouge! Das Musical“ im Kölner Musical Dome

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Von: Achim Lettmann

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Szene aus dem Musical „Moulin Rouge!“, das im Kölner Musical Dome Premiere feierte.
Es ist Liebe! Satine (Sophie Berner) und Christian (Riccardo Greco) küssen sich über den Dächern von Paris. Szene aus dem Musical „Moulin Rouge!“, das im Kölner Musical Dome Premiere feierte. © johan perrson

„Moulin Rouge!“ ist ein Musical, das auf den Kinofilm vom Baz Luhrmann zurückgeht. Mit einer Produktionssumme von 20 Millionen Euro zielt die deutschsprachige Fassung auch auf die Spotify-Generation.

Köln – Das Moulin Rouge, die extravaganteste Form des Nachtclubs, hat eine Depandance am Rhein bekommen. Der Musical Dome in Köln ist seit dem Wochenende ganz auf Liebe eingestellt. Riesige Herzen in wechselvollen Rottönen sind auf der Bühne gestaffelt. Laszive Damen räkeln sich in den Polstern der kleinen Balkone. Figurbetont lassen Corsagen, Netzstrümpfe und Dekolletés tiefe Einblicke zu. Das gehört zum Geschäft, nicht nur in Paris. „Sie Ferkel, Sie kleines!“, schnauzt der Nachtclub-Direktor in die erste Reihe. Harald Zidler ist wie Kai aus der Kiste an die Bühnenrampe gesprungen und präsentiert sein Etablishment kraftvoll. Über dem Thekenbereich fährt der orangefarbene Schriftzug „Moulin Rouge“, der an Aperol Spritz erinnert, in den Bühnenhimmel. Und ein Musical nimmt Fahrt auf, das neue Maßstäbe im Unterhaltungstheater setzen will.

„Moulin Rouge! Das Musical“ ist der heißeste Stoff der Branche. Mit zehn Tony-Awards ist das Broadway-Musical von 2019 Klassenbester im Jahr 2021 geworden. Die Uraufführung fand 2018 in Boston statt. Die rote Mühle basiert auf dem Musical-Film von Baz Luhrmann mit Nicole Kidman und Ewan McGregor aus dem Jahr 2001. Nun will Mehr!-BB-Entertainment mit „Moulin Rouge!“ den Kölner Standort auf lange Zeit bespielen. Das Capitol in Düsseldorf und der Starlight-Express in Bochum zählen zu den hauseigenen NRW-Adressen. Welche Zukunft das Musical an Rhein und Ruhr hat, wird sich nach der Coronakrise entscheiden. Standorte wie in Oberhausen („Metronom“) und Essen („Colosseum“) sind längst Geschichte.

Es steht viel auf dem Spiel. Deshalb haben die Produzenten nach eigenen Angaben 20 Millionen Euro investiert. Ein blauer Elefant dekoriert den prachtvoll renovierten Zuschauerraum. Mit über fünf Metern Größe ist er eine Zugabe aus der Londoner Produktion. Das Modell einer Moulin Rouge dreht sich auf der anderen Seite als Pendant zum Pariser Original. Viel roter Samt und warme Farben schaffen eine Wohlfühlatmosphäre mit Eleganz.

Aber vor allem macht Regisseur Alex Timbers mit seiner Musicalversion des Films Tempo. Der Can-Can-Tanz der leichten Mädchen von Paris wird wie ein historisches Zitat in eine 13-minütige Eröffnungsnummer eingebaut, die allein acht Songs anstimmt. Jacques Offenbachs Stimmungskracher geht in Rockmusik und eine poppige Coverversion von „Lady Marmelade“ über. Auf den Punkt bewegt sich das vielbeinige Ensemble auf der nicht immer großen Bühne vital und energievoll (Choreografie Sonya Tayeh). Vom Himmel schnurrt Satine auf ihrem Trapez ins Nachtleben. Sophie Berner spielt den „Inbegriff der Lust“ des Moulin Rouge mit feiner Zurückhaltung. Sie soll den Laden retten, den der Duke of Monroth kaufen will. Gian Marco Schiaretti verbirgt die dunkle Seite seiner Figur nicht wirklich. Als er die Theatermenschen angeht, um die neue Show im Nachtclub zu beeinflussen, wird er ruppig und kalt. Nur Satine hat er im Sinn.

Riccardo Greco lässt Christian aus Amerika unbekümmert und mit Zuversicht auftreten. Alle leben für Wahrheit, Schönheit, Freiheit und Liebe, so die Botschaft des Musicals. Dass Christian im Paris 1899 seine große Liebe und viele Freunde findet, ist locker inszeniert. Die Rolle des Toulouse-Lautrec hat Alvin Le-Bass übernommen. Der schwarze Darsteller ist mal Impresario bei den Proben, mal alter Freund von Satine und Künstler. Er bringt viel Ausdruck und Präsenz mit.

Die Produktion ist erklärt divers und will Zeichen setzen. Dagegen bleibt die Erzählung, dass arme Künstler gegen reiche Adelige rebellieren, mehr behauptet. Dramaturgisch ist das ohnehin schon dünn angesetzt.

Die herrlichen Bilder vom Boulevard Beaumarchais und dem Eiffelturm erwecken die Belle Époque als Zeitinsel für modischen Chic: spektakuläre Hüte, feine Damen und atemberaubende Roben. „Moulin Rouge“ ist ein Ausstattungsmusical. Derek McLane (Bühnenbild) wechselt von Sehnsuchtsräumen zu historisch gestimmten Abbildungen. Catherine Zuber (Kostümdesign) hat funkelnde Stoffe kombiniert, die die Illusionen und Absichten der Figuren tragen – mit 793 Kostümen, 233 Paar Schuhen und 171 288 Strasssteinen.

Auch musikalisch soll „Moulin Rouge“ – die erste deutschsprachige Produktion mit Texten von Ruth und Johannes Deny – Maßstäbe setzen. 75 Songs werden angespielt. Selbst die Rolling Stones („Sympathy for the Devil“) haben Lizenzen erteilt. Zu Diamanten, also „the girls best friends“, haben Marilyn Monroe, Madonna und Rihanna etwas zu singen. Und für Justine Levine (Musikalische Leitung) war Medley von gestern. Er spielt mit Textzeilen, wählt Musik aus und arrangiert Rhythmuspassagen zu einem flackernden Soundtrack. Zum Kernthema Liebe („All You Need is Love“) werden Tina Turner („What’s love got to do with it“), Elvis („Can’t help, falling in love with you“) und andere befragt. Es wirkt wie ein Überbietungswettbewerb, der zum Themenende in Whitney Houstons „I will always love you“ aufgeht. Dramaturgisch ist das an Satines Dilemma geknüpft. Sie liebt Christian, muss dem Duke gefallen, aber vor allem weiß sie, dass ihr Leben zu Ende geht: Schwindsucht. Zum einen verdichten die Set-Listen Satines Tragödie, zum anderen wird „Moulin Rouge“ zum Musical der Spotify-Generation. Mit den 75 Songs geht es durch 160 Jahre Musikgeschichte. Die Seelen vieler Songs sind gefleddert.

Auch wirkt einiges angehängt. Wie der Tango mit Santiago, dem Vini Gomes eine animalische Seite verleiht. Seine Partnerin Nini wird von Annakathrin Naderer klasse getanzt. Choreografien und humorige Momente lockern das Drama auf.

Die Qualität der Produktion ist, dass sich das Musical wieder konzentrieren kann – mit einem Song „Come What May“. Liebe kann vergeblich sein. Christian greift zur amerikanischen Lösung mit Revolver („Wir sind uns doch so nah“), während Satine etwas Hoffnung stiftet („Erzähl’ unsere Geschichte“). Im Finale mit dem ganzen Ensemble solidarisieren sich alle im Musical-Happy-End.

Dazu überformt der raue Sound von Lady Gagas „Bad Romance“ den „Can Can“ von Offenbach. Es soll eine musikalische Fusion sein. Aber bisweilen wirkt diese Produktion auch wie ein Konkurrenzkampf der Popmelodien. Der Musicalsound befindet sich im Wandel.

Standing Ovations gab es vom Publikum.

Bis 30.6. 2023; Ticket-Tel. 01806/806 555 (20 Cent aus dt. Netzen); www.moulin-rouge-musical.de

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