Beim Münster-„Tatort“ ermitteln Boerne und Thiel im Gesundheitswesen

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Professor Boerne (Jan Josef Liefers) lässt sich untersuchen und untersucht selbst.

Von Ralf Stiftel Die Leberwerte machen Professor Boerne Sorgen. Könnte da ein Tumor heranwachsen? Da weist er sich doch gleich mal selber ein zu einer „Routineuntersuchung“ bei seinem Kollegen und alten Freund Professor Thorman. Schließlich ist er Privatpatient und hat ein Recht auf Einzelzimmer und Chefarztbehandlung. Die wird er in der Sanusklinik aber nicht bekommen. Das letzte freie Bett steht im Zimmer eines Staubsaugervertreters, der trotz einer Chemotherapie gut gelaunt lauter volkstümlicher Musik lauscht.

Und prompt ist der Pathologe des Münster-„Tatorts“ da, wo ein Ermittler hingehört: bei den Verdächtigen. Der Krimi „Mord ist die beste Medizin“ spielt im Gesundheitswesen, und da wird Boerne zwangsläufig Patient und verdeckter Ermittler zugleich. Noch in der postoperativen Narkose schnappt er entscheidende sachdienliche Hinweise auf. Und das erfolgreichste Team des Sonntagskrimis (2013 erreichte die Folge „Summ, Summ, Summ“ 12,99 Millionen Zuschauer) läuft zu Topform auf – ganz ohne Gaststars, dafür aber mit einem rasanten Fall um gepanschte Medikamente und beinahe perfekte Morde. Und wenn die Macher es bei mancher Folge der letzten Zeit zuweilen übertrieben hatten mit dem komödiantischen Anteil, so stimmt diesmal die Mischung.

Es ist etwas faul in der Sanusklinik, die unter Leitung der resoluten Managerin Stephanie Harris plötzlich wieder Gewinne abwirft. Die Spuren eines Mordanschlags im Botanischen Garten führen in das Krankenhaus: Das Opfer hatte überlebt, weil eine aufmerksame Zehnjährige die Tat sah und Alarm schlug. Auf der Intensivstation aber erwischt der Täter den Pharmazeuten Oliver Hölzenbein doch noch mit einer Spritze in den Katheter.

Regisseur Thomas Jauch (der die ersten Dortmund-„Tatorte“, aber auch Fälle für Bloch und Schimanski inszenierte) und Autorin Dorothee Schön (zweifache Grimme-Preisträgerin) gewinnen dem wahrlich bedrohlichen Thema Krebs einige makabre Pointen ab. Wenn Boerne seinem fidelen Bettnachbarn mit dem „1-A-Lungenkrebs“ die Chemo erklärt: „Freuen Sie sich auf Haarausfall, Erschöpfung, Schmerzen, Übelkeit und Lymphödeme.“ Was dem Patienten aber keinesfalls die Laune vermiest. Josef Ostendorf verkörpert das sonnige Gemüt wunderbar.

Solche Scherze kann nur Boerne machen, der arrogante Misanthrop, der dem Fernsehzuschauer so ans Herz gewachsen ist. Trotzdem wird der Ernst der Krankheit nicht verharmlost. Autorin Schön sagt, dass „gute Komödien immer einen tragischen Kern“ haben. Sie will zeigen, dass das Thema Krebs auch komische Aspekte hat und ist sicher: „Krebspatienten, jedenfalls die, die ich kenne, würden das begrüßen.“

Jan Josef Liefers zeigt den Professor vielschichtiger als gewohnt. Natürlich geht er in der Klinik dem Personal als Besserwisser auf die Nerven. Aber die kleinen abwiegelnden Bemerkungen zu Thiel und Silke Haller über den „Routineeingriff“ sind tatsächlich Hilferufe. Die Angst vor der Krankheit lässt ihn nach menschlicher Nähe suchen. Und dann trifft er auf die selbstbewusste Dr. Süßmilch, die die Leberpunktion bei ihm vornimmt. Anna Bederke spielt die Ärztin, die Boerne keine Antwort schuldig bleibt: „Keine Angst, den Eingriff habe ich schon öfter gemacht. Irgendwann muss er ja mal klappen.“

Auch Anna Böger als zwielichtige Klinikmanagerin kommt herrlich giftig daher, besonders wenn sie es mit Thiel zu tun bekommt, der dauernd zu ihr aufsehen muss. Und Axel Prahl muss als Kommissar natürlich wieder einmal ordentlich rennen. Seine Kollegin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) wird unterdessen von der ungewöhnlich aufgeweckten Zeugin Mia (Lena Meyer) mit deren alleinerziehendem Vater (Benjamin Braun) verkuppelt. Was als Nebenhandlung völlig in Ordnung geht.

So funktioniert das Konzept des Münster-„Tatorts“ diesmal perfekt. Das Team zeigt auch im 26. Fall keine Ermüdungserscheinungen. Die Geschichte ist schlüssig konstruiert und bis in die Details gut erzählt. Man lacht, ohne dass man sich veralbert fühlt. Man hat einen Mörder, der sich sehr gut damit auskennt, die Spuren seiner Taten zu verwischen. Und selbst als er enttarnt ist, zittert man noch, denn in Münster leben selbst kleine Zeuginnen gefährlich.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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