Monk, Rock und Poesie beim 24. Jazzfestival Münster

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Mischt Rock und Thelonious Monk: Saxophonist Francesco Bearzatti ▪

Von Ralf Stiftel ▪ MÜNSTER–Der Bassmann spielt das bekannte „Tamm dadamm“. Der Schlagzeuger hält den Offbeat. Ja, das ist wirklich „Walking On The Moon“ von Police. Aber der Saxophonist und der Trompeter blasen darüber eine andere Melodie, Thelonious Monks melancholische Ballade „Round Midnight“. Am Ende passt das nicht ganz, weil die Themen unterschiedlich lang sind. Macht aber nichts, wenn sie leierig den Refrain des New-Wave-Klassikers anstimmen wie eine Tanzkapelle am Ende eines langen Abends. Das Rezept von Francesco Bearzattis Tinissima Quartet aus Italien funktioniert im Theater Münster: „Monk ‘n‘ Roll“.

Die Anarcho-Kapelle, die ihre Anfänge in der Mailänder Punk-Szene hat, koppelt zum Abschluss des 24. Internationalen Jazzfestivals zwei Welten. Die Kompositionen des eigenwilligen Pianisten Monk treffen auf die Beats und Grooves des klassischen Rock. Der „Bemsha Swing“ wird mit dem Stampfen von Queens „Another One Bites The Dust“ unterlegt. Nichts ist vor ihrem Witz sicher, sie nehmen Pink Floyds „Money“ und Aerosmiths „Walk This Way“ und die munteren Rhythmen des Themas zur TV-Serie „Batman“, Party ist angesagt, dazu lässt Bearzatti das Sax schon mal klingen wie eine verschärfte E-Gitarre, und Giovanni Falzone, kahl, schwarze Designer-Brille, Bauchansatz, trötet in die Trompete und gröhlt, flüstert, kiekst ins Mikro, dass man manchmal an einen Tarantino-Soundtrack denkt.

Seit 1979 gibt es das Festival, es hat einen Ausnahmestatus erlangt. Obwohl Fritz Schmücker viele praktisch unbekannte Bands einlädt, ist es schon Wochen im Voraus ausverkauft. Die Fans, die dem Programmchef vertrauen, werden mit Entdeckungen belohnt. Stets gibt es im Programm Verbindungslinien, die die Einzelkonzerte in einen Zusammenhang stellen. Monk war diesmal so eine Linie. Neben den Italienern spielten auch der Trompeter Steven Bernstein, der Posaunist Curtis Ffowlkes und der Tubist Marcus Rojas ein Programm mit Ellington und Monk, nicht ganz so wild, aber ebenso humorvoll. Sogar das Orquesta Jamalandruki des spanischen Saxophonisten Josetxo Goia-Aribe, das sich vor allem auf Fiesta- und Kirmesmusiken bezieht, feiert die „Alegria Monkiana“ im Pasodoble-Takt.

Und auch der israelische Pianist Yaron Herman, dessen lange unbetitelte Meditationen am Flügel zuweilen von Schlägen auf Glöckchen ironisch gebrochen werden, selbst er zitiert seinen großen Vorläufer. Dieser Auftritt zeugt für die fantastische Aufnahmefähigkeit des Münsteraner Publikums, das zu fortgeschrittener Stunde ein Solokonzert konzentriert verfolgt, in dem Herman mit langem Atem wundervolle Ideen entwickelt.

In Münster zeigt der Jazz sich auf der Höhe der Zeit, zumindest was Pop-Einflüsse anbelangt. Der italienische Trompeten-Altmeister Enrico Rava stellte sein Projekt „On The Dancefloor“ vor, Hits von Michael Jackson in Bigband-Arrangements, die abgespielten Songs wie „Thriller“ und „They Don‘t Care About Us“ neues Leben einhauchen. Tags drauf spielte Rava im Duo mit seinem Pianisten Giovanni Guidi.

In Münster hört der Jazzfreund, was man andernorts nicht wagt. Wilde Sachen zum Beispiel wie die Gruppe „Hildegard lernt fliegen“ des Berner Sängers Andreas Schaerer. Der stellt sich zuerst vor die Bühne und dirigiert seine fünf Mitstreiter, als gäbe er den Startschuss zu einem 100-Meter-Lauf. Später scattet er im Bläsersatz die Trompetenstimme, gibt opernmäßig den Countertenor, macht Stimmung mit Beatbox-Rhythmen, erzählt Geschichten über Vokale, denen er gleich eine aberwitzige Vertonung folgen lässt. Ganz große Show, komisch, absurd, virtuos. Am Ende führt Schaerer Band und Publikum in einen Wechselgesang.

In Münster werden Exoten zu Publikumslieblingen wie der kolumbianische Harfenist Edmar Castaneda am ersten Abend, der mit Posaunist Marshall Gilkes und Drummer Rodrigo Villalon wilde Latin-Improvisationen spielte. Das Duo des Akkordeonisten Klaus Paier und der Cellistin Asja Valcic riss mit feurigen Tangos und bittersüßen Musette-Themen den Saal ebenfalls hin.

In Münster wird der Preis Westfalen-Jazz verliehen, diesmal an den im sauerländischen Olsberg geborenen Trompeter Frederik Köster, der mit seiner nach Kafkas Erzählung benannten Band Die Verwandlung einen furiosen Auftritt absolvierte, mehr im klassischen Quartett-Format als in früheren Projekten, mit feinen Kompositionen und bestens aufgelegten Solisten, allen voran der Ausnahmedrummer Jonas Burgwinkel. So könnte Till Brönner klingen, wenn er sich nicht dem süßen Kommerz hingäbe. Singen, das zeigte Köster bei der Zugabe, der Vertonung zweier Gedichte von Allen Ginsberg, kann er auch.

In Münster findet auch die Tradition ihren Platz, ein klassisches Quintett wie das des israelischen Saxophonisten Shauli Einav, das swingenden Neo- und Postbop der Coltrane-Schule bietet. Das Publikum erkennt auch die Qualitäten dieses Musikers, der mit bravem Scheitel jungenhaft wirkt, aber mit langem Atem zeigt, dass er am Instrument etwas zu sagen hat.

http://www.jazzfestival-muenster.de

Quelle: wa.de

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