„Moi non plus“: Stück über Serge Gainsbourg

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Den doppelten Gainsbourg geben Dominique Horwitz (vorn) und Jürgen Sarkiss in Albert Ostermaiers biografischem Stück „Moi non plus“ am Theater Oberhausen.

OBERHAUSEN - Bei Lise Wolle haben noch die routiniertesten Professionellen von der Sex-Hotline Grund zum Neid. Sie zeigt, wie Serge Gainsbourgs Welthit „Je t’aime… moi non plus“ eigentlich klang. Keine Musik im Theater Oberhausen. Nur Stöhnen und Seufzen. Porno für die Ohren. So hat es Brigitte Bardot vielleicht wirklich für den Chansonnier aufs Band gebracht, damals, 1967.

Die Aufnahme erschien dann nicht, Gainsbourg nahm das Lied noch einmal auf mit der jungen britischen Schauspielerin Jane Birkin. Das bekommt das Publikum in Oberhausen nach der Pause erklärt – und hört „Je t’aime“ mit Wolle und Jürgen Sarkiss. Das ist eine späte Befriedigung, denn Gainsbourg (1928–1991) ist zwar in Frankreich eine Legende. Hierzulande freilich reduziert sich das Wissen auf die Kopulationshymne. Weil das Theater auch ein Ort der Wissensvermittlung sein darf, hat ein Stück über den Sänger, Komponisten, Frauenhelden, Provokateur allemal seine Berechtigung. Albert Ostermaier schrieb „Moi non plus“, und den „poet mauvais“ verkörpert Dominique Horwitz.

Die Koproduktion mit den Ruhrfestspielen sollte eigentlich schon im Frühjahr in Recklinghausen Premiere haben. Aber weil Horwitz damals einen Schwächeanfall erlitten hatte, ist die Uraufführung einige Monate später in Oberhausen zu sehen. Peter Carp inszeniert das Bio-Dram mit viel Musik, es begleitet ein vorzügliches Live-Quartett unter Leitung des Gitarristen Peter Engelhardt.

Wenn Horwitz auf die Bühne humpelt, am Gehstock, mühsam, dann denkt man, dass er sich besser etwas mehr Zeit zum Genesen gegönnt hätte. Gehört aber alles zum Stück: Produzent Philippe (Hartmut Stanke) befragt den Geist des toten Dichters. Ganz real aber hat Gainsbourg zwei Schauspieler eingeladen, die seine Lieder für eine Abschiedsshow interpretieren sollen. Schnell ist der Stock abgelegt, stattdessen steckt er sich eine Gitane nach der anderen in den Mundwinkel, schüttet Whisky nach und gibt die Rampensau. Am Mikrophon beweist er seine Qualitäten als Chansonnier, singt „Je suis venu te dire que je m’en vais“ und „Le poinconneur des lilas“ souverän, und dafür hat er allen Beifall verdient. Für den exaltierten Provokateur gibt er dem Affen ebenfalls Zucker, da schreit er im einen Moment Lise Wolle, die alle Frauenrollen verkörpert, an: „I wanna fuck you.“ Und im nächsten heult er sich an Jims (Sarkiss) Schulter aus. Er kommandiert rum wie ein Feldwebel – und wirft sich dann wieder über das Sofa und bettelt um Schläge mit seinem Gürtel. Eine Prachtrolle, in der Horwitz alles geben darf, den gedemütigten Außenseiter, den Juden mit Angst vor Nazis und den Exzentriker im langen Kleid mit Megadekolleté.

Das ist nett anzuschauen. Aber es bringt dem deutschen Publikum Gainsbourg kaum näher. Ostermaier setzt zuviel voraus, öffnet keine Zugänge und vor allem: erzählt nicht. Da gibt es Zeitsprünge und Rückblenden. Gainsbourg hatte sich ein zweites Ich erfunden, seine dunkle Mr.-Hyde-Seite, die er Gainsbarre nannte. Das wird dem Besucher einfach hingeworfen, nicht erklärt. Ostermaier liefert ein Stück für Klugscheißer, für Mitspieler im Wettstreit: Wer kennt sich besser aus. Aus diesem Stoff kann auch ein Regisseur wie Carp keinen dichten Theaterabend gestalten. Man denkt, dass es in dieser Konstellation eine Freude gewesen wäre, einfach noch ein paar Chansons mehr zu hören, vielleicht mit einigen Sätzen zu Gainsbourgs Leben dazwischen. Gerne auch mit Wolle und Sarkiss, die Horwitz als Interpreten durchaus ebenbürtig sind. In Ostermaiers Stück allerdings bleibt ihnen kaum mehr, als die Stichwortgeber für Horwitz zu sein. Dabei ist diese Rolle doch für Stanke vorgesehen, der Gainsbourgs Produzenten verkörpert.

28.10., 27., 28.11., 11., 12.12.; Tel. 0208/ 85 78 184,

www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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