Modellsitzen bei Lucian Freud: Martin Gayfords Buch „Mann mit blauem Schal“

Von Ralf Stiftel ▪ Früher ließen sich Fürsten und reiche Kaufleute von Malern porträtieren, und die Bildnisse waren Ausdruck von Macht und Geld. Martin Gayford, britischer Kunstkritiker, hat einfach gefragt, ob Lucian Freud (1922–2011) ihn malen wolle, ohne ernsthaft mit Interesse zu rechnen. Die Antwort überraschte ihn: „Würde es Ihnen an einem Abend nächste Woche passen?“ Mehr als sieben Monate dauerte es, bis das Gemälde „Mann mit blauem Schal“ vollendet war. Gayford hat in dem gleichnamigen Buch darüber geschrieben, wie es war, dem berühmtesten britischen Maler Modell zu sitzen.

Dieses Tagebuch bietet viel mehr, als das Thema andeutet. Gayford kannte Freud, den Enkel des Begründers der Psychoanalyse, schon zehn Jahre, als er fragte. Aber die langen Sitzungen wurden intime Begegnungen. Natürlich erfährt der Kunstinteressierte einiges darüber, wie Freud arbeitete, von der ersten Kohleskizze über die Vorgehensweise (der Künstler begann in der Bildmitte) bis zur Vollendung, gleichsam mitten im Malprozess. Man erfährt, wie Freud sich an der Staffelei bewegte, Striche setzte, Kommentare murmelte.

Aber Gayford lässt auch Hintergrundwissen einfließen und diskutiert über andere Bilder. Man erfährt, wie sehr alle Malerei für Freud Porträtieren war, das Einfangen von Individualität, was selbst in einem Stillleben von vier Eiern deutlich wird. Und Freud äußert sehr pointierte, zuweilen überraschende Meinungen zu anderen Künstlern. Über den Präraffaeliten Dante Gabriel Rosetti sagte er: „... sein Werk ist für mich so nah an Mundgeruch, wie die Malerei dem nur kommen kann.“ Im Unterschied zu anderen Malern, zum Beispiel seinem Freund Francis Bacon, arbeitete Freud langsam, und immer nach dem Modell. Fotos waren für ihn als Vorlage untauglich. Selbst als er den Hintergrund malte, musste Gayford anwesend sein. Freud sagte, es sei für ihn sehr wichtig, „was Ihr Kopf mit dem Wandschirm macht“. Gayford musste stets die gleiche Haltung einnehmen, durfte sich nicht bewegen, und erst recht nicht in einem Buch lesen. Vor dem Friseurbesuch gab es präzise Anweisungen, wie viel abgeschnitten werden durfte. Und Freuds feiner Wahrnehmung entging nicht, dass sein Modell eines Tages mit einem falschen Schal erschienen war, in einem geringfügig abweichenden Blauton. Der Leser beginnt zu verstehen, warum ein gemaltes Porträt mehr Informationen über einen Menschen vermitteln kann als ein Foto.

Schließlich ist dies auch ein Buch voller Geschichten. Man erfährt, dass Freud in jungen Jahren in der Nachbarschaft von Kriminellen wohnte, die ihn vor einem Überfall warnten, ob er in der betreffenden Bank in einem Schließfach Wertgegenstände habe. Man wolle nichts stehlen, was ihm gehöre. Einen Gangster mit seiner Tochter hat er porträtiert.

Modell zu sitzen, kann riskant sein: Ein Antiquar sah widerlich aus und benahm sich auch so, also stellt ihn Freud noch widerlicher dar. Der Mann beschwerte sich über das Porträt – und hat es schließlich vernichtet. Ein überaus lehrreiches und dabei angenehm unterhaltsames Kunstbuch.

Martin Gayford: Mann mit dem blauen Schal. Deutsch von Heike Reissig. Piet Meyer Verlag, Bern. 248 S., 28,40 Euro

Quelle: wa.de

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