Mizgin Bilmen inszeniert feministische „Faust“-Umdeutung

Der Titelheld ist klein im Hintergrund: Szene aus „Faust“ am Theater Dortmund mit (vorn von links) Mervan Ürkmez, Antje Prust, Lola Fuchs, Marlena Keil und Linus Ebner (hinten). Foto: Hupfeld

Dortmund – Eigentlich dürfte diese Inszenierung nicht den Titel „Faust“ tragen. Die Regisseurin Mizgin Bilmen behandelt Goethes klassischen Helden so lieb- und interesselos, dass er am Ende sogar einfach aus dem nach ihm betitelten Stück verschwindet. Und das Schauspiel Dortmund schreibt ja ehrlich genug, dass es einen Abend „nach“ Goethe präsentiert.

Die letzte Premiere vor dem Lockdown, zugleich die erste Produktion des neuen Teams auf großer Bühne, befragt eins der zentralen Dramen der deutschen Literatur aus feministischer Sicht. Hier rückt Margarethe in den Fokus. Der jungen Frau spielen ja der Titelheld ebenso wie der Autor übel mit. Während Faust ungeschoren aus der vorehelichen Liebschaft tritt, bereit für weitere Eskapaden in der Antike und dabei glorifiziert als positiver Held, endet sie im Kerker als Mörderin ihrer Mutter wie ihres Kindes, geistig umnachtet, verzweifelt. Geradezu zynisch muss Goethes Schachzug anmuten, ihre Seele in den Himmel zu entrücken mit dem Ausruf von oben, sie sei damit gerettet.

Bilmen lässt die Geschichte anders enden. Hier befreit der weibliche Mephisto Margarethe aus der Zelle und eilt mit ihr zur Walpurgisnacht. Da wird in schöner Solidarität der weisen Frauen spirituell Weiblichkeit zelebriert. Faust hingegen hat ausgedient, tritt sang- und klanglos ab. Die Regisseurin arbeitete den Stoff um zu einem „Faust“-Remake. Da sie erkrankt war, führten die neue Intendantin Julia Wissert, die Dramaturgin Kirsten Möller und das Ensemble die Produktion zur Premiere.

Das radikale Umbauen lässt den Abend an vielen Enden ausfasern in Handlungsfäden, die zu keinem Ende führen. Bilmen stellt dem Drama einen langen Mythos aus Vladimir Sorokins „Eis“-Zyklus voran, der den christlichen Schöpfergott umdeutet zu einem von Urgeistern geschaffenen Wesen. Da kommt die Wette zwischen Mephisto und dem Herrn einigermaßen unvermittelt. Vor allem: Spätestens, wenn Margarethe auf die Bühne tritt, hat diese Handlungsebene ihre Bedeutung verloren. Es hat seinen Preis, wenn man den Kern eines Dramas so aufbricht. Man muss den Osterspaziergang, Auerbachs Keller, Marthes Garten, Valentin nicht zeigen. Man kann aus dem Erkenntnistheoretiker und Universalwissenschaftler Faust einen Lichtkünstler machen, der mit hilflosen Gesten weiße Linien auf die Wände wirft (Bühne/Visual Arts: Tobias Hoeft). Aber warum zeigt man den verjüngten Verführer dann überhaupt noch? Der Faust von Linus Ebner ist ein übergriffiger Macho, dem man keine Sympathien entgegenbringt, weil er auch kein Profil entwickeln darf.

Am Anfang hat Ebner noch die besten Szenen mit Antje Prust als Mephisto. Diese Besetzung hat Potenzial, schon wenn sie sich als Pudel Faust nähert. Ganz unmaskiert, allein durch lautmalerisches Kläffen und Hecheln schlüpft sie in die Hunderolle, sie wälzt sich auf dem Rücken und bettelt um Streicheln. Wenn die Teuflin Faust dann den Pakt anbietet, dann spürt man die Erotik. Sie flirtet mit ihm um seine Seele. In den „Zwillingen“ Mervan Ürkmez und Lola Fuchs gibt die Regie Mephisto Begleitgeister an die Seite, die manchmal kleine Rollen übernehmen, meistens aber wie ein Chor mit Text und Choreografien die Satanin aufdämonisieren.

Auch, besonders Marlena Keil ist eine Wucht als Margarethe, die nicht das treugläubige Heimchen am Herd geben muss, sondern Eigensinn entfalten darf. Das romantisch abgedudelte Poem „Mein Ruh ist hin...“ führt sie nicht als verdruckstes Selbstgespräch im Kämmerlein, sondern sie knallt es Faust als offensive Liebeserklärung an den Kopf. Da baut sie Pausen emotionaler Überwältigung ein, sie verhaspelt sich kunstvoll, ruft auch mal ein „Scheiße“, rafft sich wieder auf, hüpft auch mal auf einer Glückswoge. Dies ist nicht Gretchen, das Opfer, sondern eine Frau, die weiß, was sie will, die Liebe sucht und einfordert. So entwaffnet hat man Faust lange nicht gesehen. Kein Wunder, wenn Mephisto in der Kerkerszene dem jämmerlichen Titelhelden die Gefolgschaft aufkündigt und sich mit der geretteten Margarethe aufmacht zur krassen Hexenparty, die dann aber seltsam still ausfällt. Da gibt es dann eine lange Pause, in der das Publikum rätseln mag, ob es das nun war. Mervan Ürkmez ruft: „Es ist noch nicht vorbei.“ Was als selbstreflexive Pointe zündet.

Die Inszenierung geht mit Goethes Drama nicht gnädig um. Wenn man das frauenfeindliche Liebesdrama zu einem Beinahe-Happy-End verbessert, ergibt das noch keine runde Interpretation. Allerdings schaut man doch lieber Bilmens radikaler Umformung des kanonischen Dramas zu, als einer weiteren Reproduktion der alten „Faust“-Fragen beizuwohnen.

2., 3.12., Tel. 0231/50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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