„Mixing Plant“ von Tony Cokes: Ruhrtriennale zeigt installative Kunst

In der Mischanlage der Kokerei Zollverein sind Videos und Soundinstallationen von Tony Coke zu erleben. Foto: seidel/dpa

Essen – Ob Tate Modern in London, Whitney Museum in New York oder Centre Pompidou in Paris, Tony Cokes richtet seine Videos, Visuals und Soundcollagen in den Tempeln der modernen Kunst ein. Nun zählt der US-Künstler zum Kunstprogramm des Musiktheaterfestivals Ruhrtriennale – präsentiert von der Institution Urbane Künste Ruhr (Bochum). Cokes hinterfragt die Verschränkungen von politischem System, Kapitalismus und Unterhaltungsindustrie.

Jede Arbeit von Tony Cokes beginnt mit einer Playlist. Für „Ad Vice“ (1999) allerdings verzerrt er ein Gitarrenstück von Swipe – irgendwie rockig – und lässt Aussagen und Fragen über monofarbige Hintergründe laufen. „Bist Du allein?“ oder „Woher kommst Du?“ wird 6:36 Minuten lang als Plattitüden-Serie einer Werbebranche bewegt, die Aufmerksamkeit heuchelt, um in Kundenkontakt zu kommen. Ein bisschen in Clip-Ästhetik gehalten, kritisiert Cokes jene Verführungsstrategien, die auch in der Popmusik greifen.

Auf den gleichen Betontrichter in der Mischanlage der Kokerei Zollverein projiziert Cokes seine Text-Sound-Collage „2 @“ (2000, 6 Min.). Zu den Jahreszahlen („1960: Beatles im Studio“) diskutiert er zu Fakten des Musikbusiness („After der Gold Rush“ von Neil Young) über Musikentwicklung: „Hardrock: Aufstieg und Niedergang“. Man reagiert auf Aussagen zustimmend oder verwundert. Wer will, kann in Cokes’ Text-Sound-Diskurs eintreten und mitdiskutieren, bewerten.

Dabei bleibt der Ort der Industriearchitektur merkwürdig hermetisch – letztlich außen vor. Cokes’ Arbeit „selected.ruhr.sounds.scenes“ ist immerhin für die Ausstellung geschaffen und erfüllt den Industrieraum mit regelmäßigen Tönen (und Musik), die an Maschinenarbeit erinnern. Hier sind Gespräche mit Historikern oder Toningenieuren textualisiert, die Musik in der Region („Swing und Schlager in den 50er Jahren“) ansprechen oder Selbsterfahrungen einstreuen („ich bin kein M.C. und kein Graffiti-Künstler“). Die englischen Texte laufen schnell über die farbige Monitorwand.

Für Kuratorin Britta Peters greift dann auch mal die Strategie der „Überforderung“. Sie möchte, dass die Orte der Industriekultur für Events der Club-Musikszene geöffnet werden. In Amsterdam werde vielmehr für die Club-Szene getan als hierzulande, sagte Peters in Essen.

Die übrigen zehn Musik-Text-Collagen von Tony Cokes laufen in Endlosschleifen. Wer mit seinem Transformator (oder „Musikguide“ um den Hals) in den Sendebereich der Projektionen tritt, hört über Kopfhörer die Playlisten der Arbeit. Zum Beispiel Metallica, Bruce Springsteen, ACDC, Queen, Black Sabbath... In „Evil.16 (Torture.Musik)“ ist diese Musiker (2009–2011, 16,27 Min.) zu hören, deren Stücke von der US-Army bei Folterpraktiken (Abu Ghraib, Guantanamo...) eingesetzt wurden. Ein Text von Moustafa Bayoumi spricht Methoden psychischer Manipulationen an, um die Wirkung von Musik als Folter verständlich zu machen. Cokes öffnet einen Sachverhalt, der unmittelbar mit dem Sound korrespondiert und das bekannte Hörvergnügen eintrübt, sobald einem die Qual der Gefangenen klar wird.

Tony Cokes dokumentiert nicht, sondern schafft mit seiner Schnitt-Collage-Technik einen Erkenntniszusammenhang, der trifft. Nicht alle Arbeiten sind so überzeugend.

Bis 29. 9.; di-so 12–20 Uhr; Eintritt frei; www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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