Mitreißend: Paul Abrahams Operette „Roxy und ihr Wunderteam“

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Zu diesem Mädchen können Kicker aufsehen: Szene aus „Roxy und ihr Wunderteam“ in Dortmund mit Emily Newton.

Von Rolf Pfeiffer DORTMUND - Und schließlich ist Party in der Puszta – mit ungarischer Folklore samt Stehgeiger, mit treibendem Swing aus dem Orchestergraben und mit einer vielköpfigen Compagnie, die voller Energie und Tempo den Black Walk tanzt. Überschäumende Lebensfreude auf ihrem Höhepunkt, entfesselter Jazz, ein Ohrwurm, ein angesagter Modetanz und ein Liebespaar, das sich hoffentlich findet.

Aus solchem Material werden erfolgreiche Musikfilme bis heute gemacht. Oder Musicals. Oder – früher – Operetten wie „Roxy und ihr Wunderteam“, die im Dortmunder Opernhaus ihre umjubelte Premiere erlebte.

„Roxy und ihr Wunderteam“ darf Fußball-Operette genannt werden, weil im Mittelpunkt eine zunächst reichlich sieglose Fußballmannschaft steht. Sie bezieht ihr Trainingslager im Schloss des zwielichtigen Trainers, wo dessen Gattin zeitgleich eine Gruppe junger Damen aus dem Mädchenpensionat unterbringt. Außerdem im Spiel ist Roxy aus Schottland, die den Loser Bobby heiraten soll und plötzlich nicht mehr will, ihr Onkel und eine Menge Entourage. Die Fußballer verhelfen Roxy zur Flucht, Roxy macht das Team stark, am Ende steht der Sieg – auf dem Rasen und in der Liebe.

Bislang existierte diese Operette nicht in den Repertoires der deutschen Theater. Die Nazis hatten dem jüdischen Komponisten Paul Abraham (1892–1960) Berufsverbot erteilt und seine erfolgreichen Werke („Viktoria und ihr Husar“, „Die Blume von Hawaii“, „Der Ball im Savoy“) mit Aufführungsverbot belegt. Uraufgeführt wurde „Roxy“ 1936 in Budapest, die Übernahme an die Wiener Volksoper scheiterte. Allerdings wurde sie in Österreich 1937, vor dem „Anschluss“, noch unter dem Titel „3:1 für die Liebe“ verfilmt.

Die Dortmunder Inszenierung, die deutsche Erstaufführung, gestaltete sich nicht problemlos. Henning Hagedorn und Matthias Grimminger mussten die Partitur aus verschiedenen Fundstücken zusammenfügen, da die Original-Partitur verschollen ist. Die Einrichtung selbst (Regie: Thomas Enzinger) bemüht sich, in Bühnenbild, Kostümen (beide: Toto) und Choreografie (Ramesh Nair) dem alten Vorbild zu folgen, so weit man es noch kennt.

Herausgekommen ist ein heiterer, streckenweise burlesker Abend mit hohem Unterhaltungswert. Kammersänger und „Homeboy“ Hannes Brock hat als Mixed-Pickles-Fabrikant Sam Cheswick, als augenzwinkernd sparsamer Welterklärer und Borussia-Versteher das Publikum hinter sich. Emily Newton passt gleichermaßen perfekt in die Rolle der couragierten Mannschafts-Motiviererin. Fritz Steinbacher ist als weinerlicher Ex-Verlobter eine Lachnummer, gleiches gilt für Frank Voß und Johanna Schoppa, er Fußballtrainer, sie Internatsleiterin, die als zerstrittenes Ehepaar gleichsam Schicksal spielen. Großartig die steppende und singende Fußballtruppe wie auch die muntere Schar der Internatsmädchen.

Lucian Krasznec schließlich erledigt seinen Job als Mannschaftskapitän und Märchenprinz Gjurka Karoly untadelig, wenngleich die Liebesgeschichte zwischen ihm und Roxy nicht wirklich überzeugend herausgespielt wird.

An einigen Punkten spielt „Roxy und ihr Wunderteam“ auf Politisches an, auf das Frauenbild der Nazis zum Beispiel, das die Mädels in einem Song – samt hinreißender Sackhüpf-Einlage – verulken. Keineswegs jedoch schwebt über dem Abend bedrohlich das Hakenkreuz. Vielmehr erzählt uns die Inszenierung, was die Menschen damals vielleicht mehr interessierte als das unterschätzte Erstarken der Nazis. Da war offenbar auch damals schon der Fußballsport sehr wichtig, aber auch die verführerisch lässige englische Sprache, die Begriffe für Dinge hatte, die man im Reich kaum kannte, Whisky auf Eis zum Beispiel. Oder Cocktails. Ihnen widmet die Operette einen Cocktailshaker-Step. Denkt man an Filme mit dem jungen Heinz Rühmann wie „Die Drei von der Tankstelle“, ahnt man, dass Humor mit erotischer Auflandung in jenen Jahren so funktioniert haben mag. Diese Operette in „historischer Aufführungspraxis“ erzählt quirlig, was vor 80 Jahren Großeltern in den Bann schlug.

Zu loben schließlich sind die Dortmunder Philharmoniker unter Leitung von Philipp Armbruster, denen der Swing recht flüssig von der Hand ging, sowie der stimmungsvoll gewandete, oft die Bühne bevölkernde Chor unter Leitung von Altmeister Granville Walker.

7., 13., 21., 27., 31.12., 17., 29.1., Tel. 0231 /50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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