„Mit Kultur zur Metropole“, Studie zur Ruhr 2010 in Essen vorgelegt

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Gelbe Gasballone waren sichtbare Zeichen der Kulturhauptstadt 2010, der Fritz Pleitgen als Chef vorstand. ▪

ESSEN ▪ Die Skeptiker wurden schon während des Kulturhauptstadtjahres immer weniger. Nun stellt Ruhr-2010-Geschäftsführer Oliver Scheytt in Essen eine Studie vor, die das Großprojekt an seinen eigenen Zielen misst. Metropole gestalten, Europa bewegen und Menschen mitnehmen? Es war ein Erfolg, aber es muss weitergehen, sagt Oliver Scheytt.

Nachgefragt hatten das Zentrum für Kulturforschung (ZfKf, Bonn) und die ICG Kulturplan (Berlin). Die Büros haben 35 Interviews mit Menschen geführt, die auf verschiedene Weise mit der Ruhr 2010 zu tun hatten. Wie Edelgard Blümel, Ruhr-2010-Beauftragte der Gemeinde Bönen, Lambert Lütkenhorst, Oberbürgermeister der Stadt Dorsten, Ruhr-2010-Chef Fritz Pleitgen oder Jürgen Rüttgers (CDU), Ex-Ministerpräsident des Landes. Die Methode nennt Dieter Haselbach vom ZfKf „summarische Evaluation“. „Ruhr 2010 war demnach nach innen und außen erfolgreich“, sagt Haselbach. Dass die A 40 gesperrt wurde, hat nicht nur geklappt, sondern sei überall akzeptiert worden. „Das Revier hat es fertig gebracht, ganz starke Bilder zu schaffen“, sagt Haselbach und denkt nicht nur an die Schachtzeichen mit den gelben Gasballonen. Zwar gebe es auch Kritiker, so Haselbach, aber dass die Infrastruktur von neuen Gebäuden und Kontakten zwischen den Kulturhäusern profitierte, sei allgemein als positiv verbucht worden. Negativ stach vor allem die Loveparade heraus, die nach der Katastrophe vieles überschattet habe, notiert Haselbach.

Dass die Besucherzahlen sehr gut waren, daran erinnerte Ruhr-2010-Chef Oliver Scheytt. In Essen seien 30 Prozent mehr Übernachtungen gezählt worden, so Scheytt. Erfolgreiche Vorgänger der Kulturhauptstadt-Projekte hatten 10 bis 15 Prozent mehr Besucher. Außerdem sind rund 2000 Touristen im Kulturhauptstadtjahr gefragt worden. 70 Prozent wollten dezidiert Industriekultur besuchen, und über 90 Prozent konnten die Region weiterempfehlen. Außerdem habe der Metropolenbegriff fürs Ruhrgebiet danach „eine stärkere Bedeutung erlangt“, sagte Haselbach.

Aber wie geht es weiter? „Die Spannung ist nicht zu halten“, sagt der Leiter des ZfKf und weiß, dass weniger Geld vorhanden ist. Die Ruhr 2010 hatte 78 Millionen Euro zur Verfügung. Nun wieder eine Autobahn zu sperren und Feste zu wiederholen, diese Neigung sei bei Verantwortlichen zwar vorhanden, aber kontraproduktiv. „Nach dem zweiten oder dritten Mal haben sie nur noch einen Verkehrsstau“, sagt Haselbach, „es müssen Strukturen gesichert werden.“ Das sei wichtiger als ein Geldtopf für Feste. Es müssten Kontakte und Netzwerke erhalten bleiben. „Vor allem in Krisen darf man sich nicht abschotten“, sagt Haselbach und denkt an Verbindungen zur Kommunalpolitik. Ob die Ruhr 2010 dann wirklich nachhaltig ist, werden die nächsten Jahr zeigen.

Oliver Scheytt weiß, dass die Ruhrkunstmuseen weitermachen. „Zwei Mitarbeiter gibt es für den Kunsttourismus“, sagt Scheytt. Die Umgestaltung der A40 wird fortgesetzt, wie der Umbau der Seseke. Das Melez-Netzwerk wird 2012 wieder arbeiten. Die Biennale für Internationale Lichtkunst findet 2012 in Dortmund statt. Ab 14. August wird der Kulturkanal fortgeschrieben. „Und heute Nachmittag trifft sich der Beirat für die Emscher-Kunst“, sagt der Kulturmanager. Eine Website fürs ganze Ruhrgebiet ist sein Vorschlag.

Für Oliver Scheytt ist vorallem ein Politikwechsel beim Thema Metropole wichtig. Die Spurbreite der Straßenbahnen müsse überall gleich sein und die Automaten für Fahrkarten dürfen nicht variieren, so Scheytt: „Das wollen die Bürger!“ Die Bereitschaft im Ruhrgebiet, auch Kulturveranstaltungen in der Nachbarstadt zu besuchen, sei gestiegen. Konnten sich das im Jahr 2009 nur 35 Prozent der Befragen vorstellen, waren es 2010 schon 46 Prozent, sagt Scheytt. Zum Ende des Jahres („Wenn dann noch Geld da ist“) plant die Ruhr 2010 eine Umfrage andernorts. Tenor: Was denken sie vom Ruhrgebiet? Vielleicht in Berlin, Hamburg und München. ▪ lett

Evaluationsstudie „Mit Kultur zur Metropole“ ist als PDF unter http://www.ruhr2010.de abrufbar.

Publikation „Twins - Gestaltungskraft für Europa“. Klartext Verlag, Essen. 95 S., 12,95 Euro

Die Twins

Die 100 Twins-Projekte, die die Städtepartnerschaften im Ruhrgebiet neu belebten, sind laut Projektleiterin Ria Jansenberger ein großer Erfolg. 259 Städte aus 37 Ländern und 20 000 Menschen haben mitgemacht. 50 Prozent der Projekte werden weitergeführt, 90 Prozent der Beteiligten Kommunen sagen, es waren „sehr gute Projekte“. 98 Prozent würden wieder mitmachen. Aus den 2,5 Millionen Euro für die Twins ist ein Mehrwert von 7,3 Millionen Euro geworden. „Es wäre ein kulturpolitischer Fehler, wenn die Twins nicht fortgeführt werden“, sagte Ria Jansenberger in Essen.

Quelle: wa.de

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