„(Mis)Understanding Photography“ im Museum Folkwang in Essen

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Die Panzer sind nur Modelle, ebenso wie der berühmte „Tank Man“: Das suggeriert die ironische Fotoarbeit „Making of Tiananmen“ von Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger, zu sehen im Folkwang Essen. Museum

Von Ralf Stiftel ESSEN - Stuart Franklins „Tank Man“ gehört zu den bekanntesten Fotos überhaupt. Als 1989 Panzer auf den Platz des himmlischen Friedens in Peking rollten, einen Tag nach dem Massaker an den Demonstranten, da stellte sich ihnen dieser Mann mit den Plastiktüten in den Weg. Das Foto davon wurde zur Ikone des Widerstands. Im Folkwang-Museum in Essen ist eine Variation ausgestellt: Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger zeigen das „Making of ,Tiananmen’“.

Franklin nahm das Bild aus dem Hotelfenster mit einem Teleobjektiv auf. Cortis und Sonderegger zeigen eine Bastelarbeit: Modellpanzer sind auf einer Platte aufgebaut, Pinsel, Kleister, Bleistift liegen am Rand des Bildfelds. Sie deuten das historische Dokument in eine Montage um. Die Künstler wollen natürlich keine Verschwörungstheorie in die Welt setzen, sondern sie verdeutlichen mit Ironie eine Erkenntnis, die der chilenische Künstler Alfredo Jaar schon im Eingangsbereich des Museums in einem Leuchtkasten verkündet: „You do not take a photograph. You make it“.

Das „Making Of“ gehört zur Ausstellung „(Mis)Understanding Photography“, mit der das Haus den 175. Geburtstag der Fotografie würdigt. Die Schau ist zweigeteilt, und sie stellt auf doppelte Weise das Medium selbst zur Diskussion. Zum einen sieht der Besucher im großen Wechselausstellungsbereich Arbeiten von 60 internationalen Künstlern mit Fotos über die Fotografie.

In einem zweiten Teil finden sich 58 „Manifeste“, historische Äußerungen zur Fotografie von Künstlern. Dieser zentrale Teil bildet eine Art Kunstgeschichte des Mediums mit Stelltafeln, auf denen zum Beispiel der Fotopionier Henry Fox Talbot (1844-46) erklärt, dass „die Bildtafeln in diesem Werk durch bloße Einwirkung von Licht auf empfindliches Papier erzielt worden sind“, ohne Einwirkung eines Zeichners. Man Ray formuliert so treffend wie poetisch: „Man muss dem Licht beim Arbeiten zusehen.“ Henri Cartier-Bresson kommt mit seinem Konzept des entscheidenden Augenblicks zu Wort (1952). Und Hossam el-Hamalawy, der ägyptische Blogger des arabischen Frühlings, erläutert, dass die Revolution „flickrised“ wird, also über den Internet-Bilderdienst Flickr übertragen, und fordert seine Mitstreiter auf: „Nehmt Digitalkameras mit“. Aber auch wenn die Schau hier etwas volkshochschulhaft aussieht, bietet sie doch auch Schätze. Vor allem aus der reichen fotografischen Sammlung des Folkwang-Museums sind jeder Wand einige Originalabzüge in Vitrinen zugeordnet.

Die Arbeiten der aktuellen Künstler bilden den Gang durch die Geschichte noch einmal nach, allerdings nicht chronologisch, sondern in Form eines thematisch sortierten Essays. Da wird das Material bearbeitet. Ugo Mulas fertigt ein Fotogramm von einem Rollfilm, der zum Bildobjekt wird. Timm Ulrichs ließ die Stücke am Anfang des Rollfilms abziehen, die aus der Kapsel ragten und darum schwarz belichtet wurden. Der Übergang zum unbelichteten Teil des Films ist keine scharfe Linie, sondern diffus und unklar. Nimmt man das als horizontale Linie, erscheint es wie eine Landschaft, die Ulrichs „Landschafts-Epiphanien“ (1972) nannte. Ein berühmtes Dokument, ein Triptychon aus drei Daguerrotypien, das der Fotopionier Louis Daguerre selbst 1839 dem bayerischen König Ludwig I. schenkte, ist heute eine Ruine, wie Sylvia Ballhaus in großen Reproduktionen zeigt. Ihre C-Prints zeigen die Metallplatten mit Oxidationsspuren, ein abstraktes Gewölk, das eher an einen Sternhimmel erinnert als an den Boulevard mit der ersten winzigen Abbildung eines Menschen. Wenn man lange hinschaut, erkennt man Schemen davon.

So arbeitet sich die Schau durch verschiedene Aspekte der Fotografie. Einen ganzen Raum gestaltete Wolfgang Tillmans. Hans-Peter Feldmann reproduzierte eine Serie von Postern aus dem Kaufhaus auf Zeitungspapier und arrangierte die Drucke als „Sonntagsbilder“ (1976/77) an der Wand. Richard Prince fotografierte von Werbeplakaten nur den Marlboro Man. Was ist noch original an solchen Aufbereitungen existierenden kommerziellen Bildmaterials? Sucht man die Provokation, möchte man Muster verdeutlichen? Die Arrangements gefundener Bilder entfalten oft subversiven Witz. Peter Piller sammelt zum Beispiel Bilder aus Zeitungen und dem Internet, die bestimmte Gemeinsamkeiten aufweisen. „In Löcher blicken“ zum Beispiel mit Aufnahmen von Lokalpolitikern an Baugruben und Kanalschächten. Die Wirklichkeit wird verfremdet, zum Beispiel wenn Johannes Brus in der Serie „Gurkenparty“ (1970) die Früchte auf einem Gartentisch tanzen und springen lässt. Der Künstler Bogomir Ecker sammelt Fotos aus aufgelösten amerikanischen Zeitungsarchiven der 1920er bis 1970er Jahre, beschnitten oder mit Anstrichen markiert, so dass man die Konstruktion visueller Wirklichkeit im damaligen Journalismus verfolgen kann.

Erik Kessels dreht in seiner Installation „Mother Nature“ (2014) das Verhältnis von Bild und Realität um: Er arrangiert in einen Raum eine Art Gewächshaus, und zwischen die Zimmerpflanzen steckt er Stäbe, an denen private Fotos von Frauen vor Blumenbeeten und in Gärten stecken.

Was Fotografie ist und kann, das erlebt man in der Schau in einer opulenten Fülle. Allerdings erschließt sich bei vielen Exponaten der Witz erst über Erläuterungen: Das Begleitbuch oder eine Führung sind unbedingt ratsam.

(Mis)Understanding Photography im Museum Folkwang, Essen. Bis 17.8., di – so 10 – 18, fr bis 22 Uhr, Tel. 0201/ 88 45 444, www.museum-folkwang.de,

Begleitbuch, Steidl Verlag, Göttingen, 10 Euro, ausführlicher Katalog in Vorbereitung.

Quelle: wa.de

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