Mirga Grazinyte-Tyla beginnt ihre Residenz im Konzerthaus Dortmund

Jetzt alle: Mirga Grazinyte-Tyla dirigiert im Konzerthaus Dortmund das City of Birmingham Symphony Orchestra, die Solisten Talise Trevigne und Joshua Stewart (rechts) sowie das Publikum. Foto: pascal amos rest

Dortmund – Das sehen normalerweise nur die Orchestermusiker: Wie Mirga Grazinyte-Tyla mit dem Zeigefinger anstachelt, wie sie mit weit geöffneten Augen ernst lächelt und ermuntert, wie sie trotz des Dirigentenstabs, den sie locker mit rechts führt, die Musik mit bloßen Händen zu formen scheint, ganz natürlich und enorm präzise. In Dortmund erleben das am Samstag auch die Konzerthaus-Besucher. Denn Grazinyte-Tyla dirigiert nicht nur das City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO) und den CBSO-Chorus auf der Orgelempore, sondern auch das Publikum.

Bei ihrem Auftaktkonzert als Residenzkünstlerin animiert „Maestra Mirga“ zum Mitsingen. Ein Notenzettel mit zwei Spirituals aus Michael Tippetts Oratorium „A child of our time“ ist in der Pause verteilt worden: „Unabhängig von vorheriger Gesangserfahrung ist jeder Mitsänger herzlich willkommen.“ Es gibt erst noch eine Probe, und schon da geht der voll besetzte Saal auf Anhieb auch die Verlangsamung in den letzten Takten mit, bis das Lied vom „Deep river“ stillsteht und ausklingt. Die Zeichengebung von Grazinyte-Tyla ist energisch, freundlich und bestimmt.

Umso eindrücklicher ist ihre Arbeit mit dem CBSO, dessen Chefdirigentin sie seit drei Jahren ist, und dem imposanten Birminghamer Chor (Leitung: Simon Halsey), die ihre agogischen und dramaturgischen Architekturen umsetzen: sehr präzise, klanglich differenziert und auch in den wuchtigen Passagen von Benjamin Brittens „Sinfonia da Reqiuem“ op. 20 (1940) von feingliedriger Transparenz. Es ist das stärkere der beiden Werke, die Mirga Grazinyte-Tyla programmiert hat.

Sie dirigiert mit spannungsvoller Handarbeit und phasenweise nur mit klarem Armschlag, wirkt dann enorm diszipliniert. Bis sie mit einem stürmischen Ausfallschritt den nächsten Einsatz gibt oder glühende Klangflächen mit weiten Bögen schürt – Grazinyte-Tyla denkt Musik vom Singen her. In dieser Lesart berührt Brittens Sinfonia von den ersten knallenden Paukenschlägen an. Dieser Puls pocht das Lacrymosa hindurch weiter, was der insistierende Ton des Altsaxofons noch verstärkt. Das Dies Irae wird zum fahlen Aufgalopp, und die famosen CSBO-Trompeter und -Hornisten lassen ihr Schmettern klingen wie knöchernes Klappern. Nach einem großformatigen Crescendo trudelt dieser Totentanz aus, Musik in matten Fetzen.

Beide Kompositionen des Abends sind Raritäten im deutschen Konzertbetrieb, beide britische Komponisten reagierten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs auf die entsetzlichen Zeitläufte. Michael Tippett (1905-1998) erklärt in „Child of our time“ Herschel Grynspan zum „Kind unserer Zeit“: Der 17-Jährige erschoss am 7. November 1938 in Paris einen deutschen Diplomaten und lieferte so den Vorwand für die Novemberpogrome („Reichskristallnacht“). Grynspan wollte die Welt auf das Schicksal Tausender Menschen aufmerksam machen, die vom NS-Regime vollkommen mittellos aus Deutschland ins polnische Niemandsland abgeschoben worden waren – unter den rund 17 000 jüdischen Migranten war auch seine Familie.

Tippett lehnt sich formal an Bachs Passionsmusiken an: mit geifernden Turba-Chören, einem Erzähler (Bassist Brindley Sherratt) und Mitsing-Passagen für die Gemeinde, wobei er statt Chorälen Spirituals einsetzt. Diese Analogien sind noch die stärksten Elemente des gut einstündigen Oratoriums. Grazinyte-Tyla durchdringt dessen kontrapunktische Feinheiten mit Sorgfalt und Temperament, doch es bleibt behäbig und widersetzt sich mit seiner aufgesetzten Dringlichkeit sogar ihrer Belebung.

In Dortmund ist die 33-Jährige in den kommenden drei Jahren als Residenzkünstlerin zu erleben. In ihrer ersten Saison kommt sie noch vier Mal ins Konzerthaus: Am 29. November wird sie in einem Kammerkonzert auch singen („Tarab – Arabische Instrumentalstücke und Lieder“). Am 12. März 2020 dirigierte sie Bruckners Sechste, am 21. März Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 (Solistin: Gabriela Montero). Am 28. April musiziert und plaudert sie mit ihren Eltern und Geschwistern.

www.konzerthaus-dortmund.de

Quelle: wa.de

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