Milisavljevics „Brandung“ uraufgeführt

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Vlado (Benjamin Lillie) und „Ich“ (Natalia Belitski) in der Uraufführung „Brandung“ bei den Ruhrfestspielen.

Von Achim Lettmann RECKLINGHAUSEN - Sie war kurz zu Edeka, nur etwas Käse holen für die Pizza und die Freunde. Doch Karla kam nie wieder. Warum? Das Unerklärliche geschieht immer wieder: Menschen verschwinden. Mit dem Spruch „Ich bin mal eben Zigaretten holen“ ist das Phänomen spöttisch in den Sprachgebrauch übergegangen. Dagegen entwickelt in Recklinghausen die Dramatikerin Maria Milisavljevic, 1982 in Arnsberg geboren, eine Verlustgeschichte.

Sie geht über den Schreckmoment hinaus, thematisiert Migration, Liebe, Freundschaft und Heimat. „Brandung“ heißt ihr Stück, das in der Reihe „Uraufführungen“ in der Halle König Ludwig gezeigt wird. Die Ruhrfestspiele kooperieren mit dem Deutschen Theater Berlin.

Die Freunde beginnen ihre Suche. Eine Homepage wird eingerichtet, 500 Steckbriefe verteilt, zum „Russenviertel“ bei den Flachbauten machen sie sich auf. Tatsächlich trägt ein Deutscher Karlas Tasche bei sich. Die Spur führt zum Fluss. Ihr roter Gummistiefel wird gefunden. Und Karla? Maria Milisavljevic formt ihr Stück mit Krimi-Elementen. Außerdem gibt sie dem Text aus beschreibender Prosa, innerem Monolog und Dialog-Stellen so eine dramaturgische Richtung. Milisavljevic will mit ihrer ganz eigenen Sprachtechnik die hochgradige Irritation fassen, die nach dem Verlust eines Menschen von Angst, Hoffnung und Selbstbehauptung bestimmt ist. Dem ist allerdings nicht immer leicht zu folgen.

Wichtig wird die Spannung, die Orientierung in der mehrschichtigen Handlung bietet. Milisavljevic lässt eine Ich-Erzählerin auftreten, die agiert und kommentiert. „Ich“ wird von Jo begehrt, ist aber mit Vlado zusammen, der unermüdlich nach Karla Zuckowski sucht. Martina, „Ichs“ Schwester, hilft, organisiert, treibt an. Was schreibt die Lokalzeitung, was weiß die Polizei?

Regisseur Christopher Rüping lässt die jungen Darsteller in einem imaginären und halbdunklen Reflexionsraum auftreten. Statt Erzähldekor ist mit Eisbausteinen eine Wand gestellt, die langsam schmilzt und die Spielfläche wässert. Jonathan Merz (Bühne) materialisiert das Undurchsichtige des Falls und die Unsicherheit der Gefühle. Alsbald wird der Musiker Christoph Hart dahinter erkennbar, der dramatische Intros liefert, den Thrill zuspitzt und als verkleidete Meerjungfrau zur Miniharfe greift. Das wirkt kurzzeitig niedlich, aber gewinnt als loser Rahmen für die psychologischen Rollenbilder an Kraft.

Maria Milisavljevic, deren jugoslawischer Großvater nach dem 2. Weltkrieg im Sauerland geblieben ist, berührt das weite Thema der Migration. Ihre Figur Vlado kam erst in den 90er Jahren aus dem Kriegsgebiet Kroatien nach Deutschland. Wenn er an die Adriaküste fährt, die Großeltern besucht, am Strand sitzt und Fisch riecht, dann wird ein Ideal spürbar, das letztlich Projektion bleiben muss – mehr nicht.

Milisavljevic, Kleist-Förderpreisträgerin 2013 für „Brandung“, spürt mit ihrem Text diesen Zwischenzuständen nach, ohne sie zu romantisieren oder festzuschreiben. Was kommt wirklich noch von einer Herkunft her, ist ihre Frage. Derzeit arbeitet Milisavljevic (30) am Theater in Toronto (Kanada). Studiert hat sie in Passau. Ihr Sohn ist acht Jahre alt.

In „Brandung“ geht es um das Ungefähre. Der Blick zurück fokussiert wenig. Milisavljevic kombiniert ihn mit der Liebe. „Ich“-Darstellerin Natalia Belitski flattert dabei: Ist sie mit Jo zusammen? Eigentlich war Vlado ihr näher als Karla. Belitski verströmt jene unruhige Melancholie, die kein Ende kennt. Benjamin Lillie wechselt Vlado und Jo, als Versuch von Männlichkeit. Barbara Heynen (Martina) stabilisiert die Suche. Und wer war der Mörder?

heute, 20 Uhr. Tel. 02361/92180; ab 10. Oktober in Berlin

Quelle: wa.de

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