Miley Cyrus probt den Teenager-Aufstand in Köln

+
Gehüllt in bleibende Werte: Die Sängerin Miley Cyrus in der Lanxess-Arena in Köln.

Von Tim Griese KÖLN - Wer dick aufträgt und polarisiert wie Miley Cyrus muss mit Kritik rechnen. Immer wieder neue Shitstorms im Internet hat die Sängerin in den vergangenen Monaten provoziert. Da saß das knappe Höschen mal nicht richtig, streckte sie die Zunge im Sekundentakt bis zum Kinn hinunter, posierte sie in wiederkehrender Berechenbarkeit in anrüchigen Posen. Spurlos ist das Theater nicht an ihr vorübergegangen, bemerkt man beim Konzert in der Kölner Lanxess-Arena. Doch anstatt einen Gang runter zu schalten, treibt sie ihre Show auf die Spitze.

Von den niedlichen Hanna-Montana-Zeiten ist nicht mehr viel übrig geblieben. Das Image hat Miley Cyrus längst abgestreift und sich ein neues gekünsteltes überstülpen lassen, das getreu dem prototypisch für sie stehenden Song „Do My Thang“ laut nach Teenager-Rebellion schreit. Und so wie die 21-Jährige abseits des Bühnenlebens von einem Skandälchen ins nächste schlittert, macht sie auch in Köln, was sie will – und das vor allem breitbeinig mit der Hand im Schritt, in eindeutigen Posen räkelnd und mit einem Vokabular, das dem F-Wort in allen möglichen Ausprägungen frönt.

Da leckt sie das Mikrofon ab, beißt einer kleinwüchsigen Dame mit voluminösen Stoffbrüsten in die Nippel, während sich auf einem Riesenbett die Tanzcrew halbnackt tummelt, und vollzieht auf der Motorhaube eines übergroßen goldenen Spielzeug-Autos ausgiebig Sex-Leibesübungen. Am Ende fliegt sie auf dem Rücken eines riesigen Hotdogs aus der Halle, der natürlich nur rein zufällig als Wiener-Würstchen-Phallus verstanden werden kann. Wer beim Eintritt in die Halle beim Anblick der bunt an der Decke hängenden Luftballons dachte, das wird ein Kindergeburtstag, irrt sich gewaltig.

Eigentlich alles kein Problem – wäre die nicht annähernd voll besetzte Halle nicht zum Großteil von 13-, 14-jährigen Zahnspangenträgerinnen besetzt, die sich ins Delirium kreischen, wenn Miley mit dem Popo wackelt. Befremdlich: Je mehr nackte Haut es zu sehen gibt, desto größer wird die Lautstärke. Die Sängerin interessiert das nicht, sie spuckt lieber Wasser und Pralinen in die ersten Reihen. Ob die Eltern, die draußen am Straßenrand in Autoschlangen auf ihren Nachwuchs warten, wissen, was drinnen abgeht?

Ach ja, Musik gibt’s auch. Der Sound allerdings ist zum Abgewöhnen. Mies gemischt versuppt alles, was da aus den Boxen kommt, zu einem einzigen Haufen Matsch. Dabei hat die Produktion sicher ein Heidengeld verschlungen mit der riesigen Videowand, den kostümierten Tänzern auf der mehrteiligen und mit allerlei Aufzügen ausgestatteten Bühne, der personell umfangreich besetzten Live-Band und witzigen Einfällen wie dem Auftritt eines pinken Monsters, das entfernt an Tiffy aus der Sesamstraße erinnert, und einem mit Luft gefüllten zehn Meter hohen Wolfshund, der mit blau leuchtenden Augen nach vorne gefahren wird. Da wird Falschgeld ins Publikum geschossen, tritt ein Rapper mit comichafter Riesenkopfmaske auf, spaziert eine bunte Pferdefigur in Regenstiefeln über die Bühne. Da wird schon einiges geboten. Nur an den Boxen, da hapert es. Schade, denn musikalisch durchaus abwechslungsreich kommt die gebürtig aus Nashville stammende Künstlerin daher, findet sich in ihrer Setlist doch alles, was in den Pop-Charts derzeit angesagt ist: Hip-Hop („Love, Money, Party“, „23“), Balladen („My Darlin’“, „Adore You“), Disco („On My Own“) und noch ein paar andere Stilausflüge mehr.

Überraschend stark sticht – neben dem Hit „Wrecking Ball“ – das bluesige „FU“ heraus. Gelungen ist der zweite Teil des Konzerts, in dem Miley Cyrus während einer der zahlreichen Kostümwechselpausen plötzlich mit ihrer Band auf einer improvisierten Bühne am Ende der Halle auftaucht und umherstürmende Fans mit sich bringt. Da wird die großangelegte Bombast-Show viel intimer. Cyrus versucht sich an Cover-Songs, nachdem zwischendurch schon an „Lucy in the Sky with Diamonds“ von den Beatles an der Reihe war. Lana del Rey, The Smiths und Dolly Parton hat die 21-Jährige auserkoren und macht damit eine gute Figur. Ganz ohne Befruchtungstanz.

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare