„Michel aus Lönneberga“ in Bochum

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Eine verrückte Familie: Szene aus „Michel aus Lönneberga“ in Bochum mit Anna Döing und Torsten Flassig.

Von Edda Breski BOCHUM - Astrid Lindgrens Figuren leben im Gedächtnis aller, die mit den Fernsehfilmen um Pippi Langstrumpf und die Kinder aus Bullerbü aufgewachsen sind, in einer Welt, in der Winter noch weiß, Sommer sonnig und blumenreich sind, und der Herbst ein Versprechen auf Lagerfeuer und warme Küchen ist. Allerdings blickt zwischen den Zeilen ihrer Geschichten oft genug die nackte Armut durch. Das ist auch bei Michel aus Lönneberga so.

Seine wundervollen Streiche sind so unerhört, weil sie eine arme und streng protestantische Landbevölkerung vor den Kopf stoßen. Wenn man Michel heute im Kindertheater machen will, muss man sich überlegen, wie man die Streiche in den Augen moderner Kinder zum Leben erweckt, die viel selbstbewusster sind, viel mehr im TV oder Internet gesehen haben als frühere Generationen.

Am Schauspiel Bochum bringt Regisseurin Katja Lauken eine Comedyfassung beliebter Michel-Episoden auf die Bühne: die Sache mit der Suppenterrine, die geplünderte Speisekammer, die Rattenfalle, in die Michels Vater Anton mit nacktem Fuß hineintritt. Michel ist, schon weil er wie alle Rollen von einem erwachsenen Ensemblemitglied gespielt wird, nicht nur niedlich frech, sondern richtig rotzfrech. Er knufft die Magd Lina, mit der er einen Kleinkrieg führt, ins Hinterteil, so dass sie Anton vor Schreck einen Becher Milch ins Gesicht schüttet. Den Jähzorn von Michels Vater hat Katja Lauken beibehalten. Raiko Küster schreit aus voller Lunge sein „Miii-chel“ hinter dem flüchtenden Tunichtgut (Torsten Flassig) her.

Aber Lauken bindet den ungebärdigen Michel in eine liebevolle, selbst etwas verrückte Familie ein. Mutter Alma (Ragna Guderian) glaubt fest, dass Gutes in ihm steckt. Klein-Ida (Anna Döing) wird zwar von Michel anstelle einer Fahne am Mast hochgezogen, aber sie besucht ihn in seinem bonbonfarbigen Schuppen. Knecht Alfred (Matthias Redlhammer) guckt etwas stieselig, aber er geht mit Michel nachts angeln. Dann baumeln vom Bühnenhimmel Riesenfische.

Es ist höllisch schwer, gegen Fernsehbilder anzukommen, die wahrscheinlich alle Erwachsenen im Saal wenigstens einmal in ihrem Leben angeschaut haben. Aber Katja Lauken geht den Stoff unbekümmert an, als schöne Vorlage für einen lustigen Kindernachmittag. Die Musiker Torsten Kindermann und Oliver Siegel sind als Hühner verkleidet und sitzen als gackernde Patienten beim Doktor im Wartezimmer. Maren Geers (Bühne) hat einen bunten Spielzeug-Bauernhof gebaut, mit einem Bauernhaus, das wie eine Bude aussieht, und Enten und Schweinen auf Rollbrettern. In der zweiten Hälfte gibt’s eine schöne Winterlandschaft zu sehen. Es schneit Federn, „Schneebälle“ fliegen auch ins Publikum, die Schafe geben bunte Wolle für Schals. Krösa-Maja erzählt schaurige Geschichten. Aber dann passiert etwas Schlimmes: Alfred verletzt sich und bekommt eine Blutvergiftung. Mitten in einem Schneegestöber muss er zum Arzt. Die Erwachsenen trauen sich nicht hinaus.

Michel packt den Kranken auf einen Schlitten und bringt ihn hin. Damit hat er bewiesen, dass hinter seinem Unfug großer Mut steckt. Vater Anton schließt Michel in die Arme. Alle singen ein Mutmachlied: „Wenn man groß wird, macht man auch mal Fehler“, und „Sei mutig wie Michel“, lautet die Botschaft. Die Kinder tanzen im Saal mit, und ihre Eltern auch.

Im Dezember fast täglich Vorstellungen, Tel. 0234 / 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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